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Angst vor roten Zahlen

Es dürfte kaum möglich sein, im amerikanischen Filmgeschäft einen höflicheren Regisseur zu finden als Sam Raimi. Auch bei den Dreharbeiten in Michigan zu „Oz“, einem modernen Märchen für 2013, trug er im letzten Winter stets Anzug und akkurat geknotete Krawatte, als er mit lausbübischem Habitus Stars wie James Franco und Michelle Williams inszenierte. Raimi arbeitet nicht, er lebt sein Hobby. Nur einmal friert dem Kind im Manne kurz das Lächeln ein. „Natürlich“, nickt Raimi pflichtschuldig, „bin ich gespannt auf den neuen ‚Spider-Man‘-Film und wünsche dem Team viel Erfolg.“ Was man so sagt zur gegenseitigen Gesichtswahrung, wenn eine Langzeitbeziehung zerbrochen und Diplomatie vereinbart ist. Doch Raimis Schweigen zum langjährigen Lieblingsthema verdeutlicht beredt, wie sehr ihn die Umstände des Rausschmisses bei „Spider-Man“ getroffen haben. 3,6 Milliarden Dollar spielte die Trilogie mit Tobey Maguire weltweit ein. Und dem überfrachteten dritten Teil wollte Raimi ein korrigierendes Kapitel folgen lassen, in dem der ultimative Nerd unter den Superhelden doch noch erwachsen wird. Nicht ganz so seelengeplagt wie Batman. Aber durchaus orientiert an Christopher Nolans Öffnung des Genres für ein dramatisches Narrativ.

Raimis Chefs beim mächtigen Studio Sony indes hatten andere Pläne. Aus Sorge, die Teenager als ungebrochen stärkste Zielgruppe zu verlieren, votierten sie für einen Neustart, den außer ihnen bislang niemand nachvollziehen konnte. Im festen Glauben an die Strahlkraft ihrer Marke heuerten sie frisches Personal an – um nun genau zehn Jahre nach „Spider-Man“ erneut zu erzählen, wie Peter Parker seine Superkräfte erhält, eine hübsche Rothaarige an Land zieht und verrückte Übergegner stoppt. „The Amazing Spider-Man“ heißt das jetzt. Damit es keine Verwechslungen gibt. Weil die Wahrscheinlichkeit sehr gering scheint, mit einem Film einen Welterfolg zu landen, den so ähnlich jeder gerade erst gesehen hat und dessen Produktion kühn an der Kostenmarke von 300 Millionen Dollar kratzt, gilt „The Amazing Spider-Man“ als potenzieller Flop. Wobei „Flop“ im heiß laufenden Hollywood des 21. Jahrhunderts zum absurd dehnbaren Begriff geworden ist. 300 Millionen Dollar spielte der Rihanna-gegen-Aliens-Unfug „Battleship“ ein und dominierte auch in Deutschland ein paar Wochen die Leinwände. Trotzdem gilt Regisseur Peter Berg als gescheitert beim Versuch, es „in die Liga der Super-Blockbuster von Michael Bay“ zu schaffen, wie er uns beim Dreh in Hawaii mit augenzwinkernder Hybris anvertraute.

So teuer sind in direkter Folge ein paar Supertanker der Branche wie „Battleship“, „John Carter from Mars“ oder „Men in Black 3“ geraten, dass individuelle Qualität bei der Evaluierung zum Nebenaspekt wird. Stattdessen sind Blockbuster als reformbedürftiges Geschäftsmodell ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. „Men in Black 3“ etwa, ein weiteres Sony-Risikoprojekt, war um vieles kurzweiliger als der Vorgänger. Doch um das abgehangene Franchise mühsam wiederzubeleben, musste mehr in Mega-Premieren und TV-Dauerspots investiert werden, als das globale Box-Office hergibt. Zumindest nicht regelmäßig. Die große Ausnahme heißt „The Avengers“ – das Marvel-Gipfeltreffen hat es mit 1,3 Milliarden Dollar Einspielergebnis bereits auf den Rang des dritterfolgreichsten Filmes aller Zeiten geschafft. Was heutzutage freilich nichts bedeuten muss, wenn 3D-Screenings die Preise hochschrauben und mit „The Dark Knight Rises“ im August schon der nächste Anwärter auf die ewigen Box-Office-Plätze erwartet wird. Beide Titel unterscheiden sich freilich von der geprügelten Konkurrenz, indem sie noch Geheimnisse wahren, Fingerspitzengefühl für den Zeitgeist beweisen und ihr Franchise sehr sorgsam entwickeln.

JamieTrueblood_2011_paramount_picturesDass es Hollywood gemeinhin nicht genügt, einen Hit zu landen, sondern mit Schnappatmung immer gleich der Grundstein für eine Megaserie gelegt werden soll, ist zur veritablen Falle für Finanziers geworden. Einerseits lohnen nur massive Investitionen in Technik und Personal, um Produkte mit Schauwert anbieten zu können, denen keine Raubkopie etwas entgegensetzen kann. Andererseits spürt das reizüberflutete Publikum zunehmend präzise, wenn ihm Fleischklopse als Filetspitzen serviert werden. Zu glauben, dass ein Stück Holz mit Gliedmaßen wie der Schauspieler Taylor Kitsch gleich zwei Serien anschieben könne („Battleship“ und „John Carter from Mars“), kann wohl nur Studiomanagern passieren. Die Angst vor roten Zahlen ist es auch, die aktuell das Studio Paramount dazu bewog, „G.I. Joe 2“ kurzfristig um ein Jahr zu verschieben, ein Actionfilm mit Bruce Willis und Dwayne „The Rock“ Johnson, für den die Werbung schon auf Hochtouren lief. Offiziell heißt es nun, man wolle sich mittels einer 3D-Konversion stärker aufstellen im rauen Markt. Tatsächlich werden Sequenzen mit ­Channing Tatum nachgedreht, dessen Figur ursprünglich sterben sollte. Bis Tatum plötzlich beliebt wurde durch „21 Jump Steet„. Grund genug für eine nachträgliche Hauptrolle.

Man kann sich mühelos lustig machen über derlei Übersprungsreaktionen. Oder man kann auf ähnliche Fälle verweisen („Titanic“), in denen ein vermeintliches Problemprojekt am Ende alle Erwartungen übertroffen hat. Doch die Grundstimmung der Verunsicherung sitzt allen in den Knochen. Geld auf die Leinwand zu klatschen genügt nicht mehr, und wo die Strategie für ein funktionierendes Franchise über Jahre angelegt werden sollte (wie bei Marvel), orientieren sich Studios nur noch an den Zahlen vom letzten Wochenende. Kaum waren „The Avengers“ zum Höhenflug angetreten, kündigte Warner Bros. die Reaktivierung seines „Justice League“-Projekts an, in dem Batman, Superman und andere Helden der DC Comics gemeinsam kämpfen. Wie das funktionieren soll ohne Christian Bale oder andere vertraute Darsteller, wird wohl entlang des Weges überlegt. Anderswo lernen sie immerhin kleinere Brötchen zu backen. Nachdem Sony 2012 schon mit zwei kostspieligen Franchise-Flops baden ging und von geplanten Fortsetzungen zu David Finchers „Verblendung“ und „Men in Black 3“ keine Silbe mehr zu hören ist, hat man letzte Woche eine neue Hit-Hoffnung aus dem Keller gekramt. Gedreht wird nun „Karate Kid 2“. Der 13-jährige Darsteller Jayden Smith ist im Gegensatz zu „Spider-Man“ schließlich auch noch jung genug, um sein Haltbarkeitsdatum im Multiplex nicht schon überschritten zu haben.

Text: Roland Huschke

The Amazing Spider-Man USA 2012; Regie: Marc Webb; Darsteller: Andrew Garfield (Spider-Man), Emma Stone (Gwen Stacy); 136 Minuten; FSK 12; Kinostart: 28. Juni

Fotos: 2012 Sony Pictures Releasing („The Amazing-Spider-Men“), 2011 Paramount Pictures („G.I. Joe 2“)

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