Horror-Drama

„Gute Manieren“ im Kino

Anketten bei Vollmond: „Gute Manieren“ erzählt von einer Werwolf-Geburt – und von den Gegensätzen der brasilianischen Gesellschaft

Foto: Salzgeber & Co. Medien GmbH

Anfangs könnte man „Gute Manieren“ auch für ein sozialkritisches Drama halten, so deutlich stellt der Film den Gegensatz zwischen Clara, der schwarzen Krankenschwester, und der schwangeren, offenbar ziemlich gut situierten Ana heraus, die für ihr Apartment in São Paulo eine Haushaltshilfe sucht, die später auch das Baby betreuen soll.
Clara wirkt etwas unsicher in dieser schi-cken Umgebung, eine derart große Wohnung – in der sie ja auch wohnen soll – ist sie eindeutig nicht gewohnt. Ihre Ausbildung als Krankenschwester hat sie nie beendet, richtige Referenzen für vorherige Tätigkeiten hat sie auch keine, dafür aber Schulden bei ihrer Vermieterin. Irgendetwas scheint nicht ganz zu stimmen.
Doch als Clara bei einer Frühwehe Anas den richtigen Entspannungsgriff kennt, engagiert die junge Frau sie trotzdem. Zunächst scheinen die Rollen klar verteilt: Ana ist einen flotten Kommandoton gewöhnt, Clara bleibt zurückhaltend und versucht sich vorsichtig dagegen zu wehren, ausgenutzt zu werden. Aber schon bald stellt sich heraus, dass beide Frauen jeweils ein Geheimnis hüten: Clara besucht in ihrer Freizeit gern einmal eine Lesben-Bar und Ana schlafwandelt nachts bei Vollmond – stets auf der Suche nach Blut und rohem Fleisch. Es ist eine zugleich romantische und sehr fleischliche Beziehung, die sich nun anbahnt.
Das brasilianische Regie-Duo Juliana Rojas und Marco Dutra lässt seinen Film ganz langsam in Richtung eines vielschichtigen „Horror“-Dramas driften, mit viel Zeit für die Figuren und die Atmosphäre. Im Gegensatz zu Anas Wohnung wirkt die nächtliche Stadt komplett irreal: ein Ort, an dem Märchen und Legenden wahr werden können und sich der Schrecken vor allem über die eigene Imagination vermittelt – wie in den Filmen von Jacques Tourneur („Cat People“), die Rojas und Dutra als Vorbilder angeben.
Brokkoli in der Pause
Sorgsam werden in „Gute Manieren“ die Gegensätze der brasilianischen Gesellschaft etabliert, die als Hintergrund der Geschichte mit ablaufen: Schwarz und Weiß, Arm und Reich, Queer und Hetero. Die Geschichte gipfelt im Antagonismus von Mensch und Werwolf, aber ist das wirklich ein unauflösbarer Gegensatz? Der kleine Werwolf, dessen „Geburt“ Ana nicht überleben wird, macht die Geschichte zwar blutiger, die Beziehungen zwischen den Hauptfiguren deshalb jedoch nicht weniger liebevoll.
Denn Clara zieht Joel (Miguel Lobo) nun sorgsam groß und bringt ihm die titelgebenden guten Manieren bei. Nur, dass ihr mit den Jahren die Kontrolle langsam entgleitet: Brokkoli als Pausensnack in der Schule und zärtliches Anketten an die Pritsche bei Vollmond bei einem siebenjährigen „Monster“, das seinen eigenen Kopf entwickelt, greifen als Maßnahmen für ein geregeltes, unauffälliges Leben irgendwann nicht mehr.
Und so entwickelt sich die zweite Hälfte der Geschichte auch zu einem Drama über Kindererziehung, in dem sowohl der zunächst noch unschuldige Joel als auch Clara sich über seine wahre Natur klarwerden müssen. Irgendwann aber steht in Anlehnung an die klassischen Universal-Horrorfilme der 1930er-Jahre der tobende Mob mit der modernen Variante der Mistgabel vor der Tür. Man muss sich entscheiden.

As boas maneiras (OT) BR/F 2017, 135 Min., R: Juliana Rojas und Marco Dutra, D: Isabél Zuaa, Marjorie Estiano, Miguel Lobo, Cida Moreira, Start: 26.7.

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