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Anmerkungen zu den 56. Nordischen Filmtagen in Lübeck

Schwedenbastard

In der Nähe vom Lübecker Hauptbahnhof gibt es eine Ampel, die dem Fußgänger anzeigt, wie viele Sekunden es noch dauert bis zur nächsten Grünphase. Will man das so genau wissen? Will man wirklich wissen, dass man jetzt noch 39 Sekunden hier herumsteht? Ist weniger nicht manchmal mehr? Und sind nicht jene Filme, die Fragen stellen, interessanter als jene, die nur Antworten zu geben?
Die Filme bei den 56. Nordischen Filmtagen mit Produktionen aus Skandinavien und dem Baltikum stellen Fragen: Wie sollen wir leben? Wie finden wir uns in unserer jeweiligen Situation zurecht? Und was macht die Gesellschaft mit uns? Sie heißt Dino, ist 23 und aus Schweden. Doch dort gibt es für ihre Generation keine Jobs, also ist Dino nach Norwegen gezogen, in Oslo lebt sie in einer rein schwedischen Schmuddel-WG. Sie landet als Hausmädchen beim Ex-Tennisprofi Steffen und den beiden Töchtern. Steffens Frau arbeitet in Afrika. Wie nun diese Figuren – Dino, Steffen und dessen pubertierende Tochter Ida – miteinander umgehen, das beobachtet der erst 29-jährige Autor und Regisseur Ronnie Sandahl in seinem brillanten Spielfilmdebüt „Svenskjжvel“ („Schwedenbastard“ / Foto oben) zugleich sensibel und genau. Sowie angenehm klischeefrei und bodenständig – was ihm den Baltischen Filmpreis bei den Nordischen Filmtagen einbrachte. Auf seine Hauptdarstellerin Bianca Kronlöf kam Sandahl übrigens über einen Artikel in einer Filmzeitschrift. In dem behauptete Kronlöf keck, alle schwedischen Regisseure seien Idioten.
Beatles18 Filme hat die Künstlerische Leiterin Linde Fröhlich in den Kampf um den NDR-Filmpreis geschickt, dotiert mit 12.500 Euro. Gleich drei Filme in diesem 2014 sehr niveauvollen Spielfilmwettbewerb wagten eine Reise in die Vergangenheit, um die Gemütslage von jungen Menschen zu erkunden. Im vergnüglichen norwegischen Beitrag „Beatles“ (Foto links) erzählt der dänische Regisseur Peter Flinth („Der Fakir“) von den vier Kumpels Kim, Gunnar, Ola und Seb, die 1967 unbedingt ihren Vorbildern John, Paul, George und Ringo nacheifern wollen und die Band The Snafus gründen – die Abkürzung für „Situation Normal – All Fucked Up“. Denn es gibt letztlich nur einen Grund, eine Band zu gründen: Mädchen. Der auf Lars Saabye Christensens Bestseller „Yesterday“ beruhende Film erzählt von den Abenteuern der Vier mit Empathie, aber auch einem Funken Wehmut. Wehmut für eine Zeit, die weniger kompliziert erscheint als das Heute, und in der es einfacher war, aufzubegehren.
Darum geht es auch Eik (Joachim Fjelstrup) in „Itsi Bitsi“ (Foto rechts) des Dänen Ole Christian Madsen („Superclassico“). Der entdeckt 1962 nicht nur die Drogen, die Dichtung und die Musik, sondern auch seine unbedingte Liebe zu Iben (Marie Tourell Sшderberg). Was folgt, ist ein 107 Minuten langer Trip: im VW-Bus durch die halbe Welt, durch ein Gefühlslabyrinth dank der Idee der freien Liebe – und durch endlose Drogenexzesse. Eiks Suche nach sich selbst mündet in der Gründung von Dänemarks erster Rockband Steppeulvene. Und die gab es wirklich.
Itsi BitsiNoch einmal Dänemark, eine Dekade später. Martin ist 1976 14 Jahre alt, als überraschend seine Mutter stirbt. Doch während der Vater und der ältere Bruder von der Trauer übermannt werden, ist Martin nicht bereit, sein Leben zu unterbrechen. Wo doch gerade so viel passiert: bei seiner Sportart, dem stets ulkig aussehenden Gehen, beim Nachbarmädchen Kristine, in der Beziehung zum besten Freund Kim. Und die Band Nazareth liefert den Soundtrack zum Ganzen: „Love Hurts!“ Nicht nur „Kapgang“ („Speed Walking“) von Niels Arden Oplev („Der Traum“), alle drei „Retrofilme“ gehen den Umweg über die Vergangenheit, um zeitlose Konflikte und Emotionen zu thematisieren, und das durchweg empathisch und kurzweilig.
Neben dem Spielfilmwettbewerb strömen die Lübecker in Massen auch in die Dokumentarfilmreihe, in die Jugend- und Kinderfilme und in die Werke aus der Retrospektive, die 2014 skandinavische Gesellschaftskomödien aus 90 Jahren Filmgeschichte zeigte. Und bei einem Special Event wurde ein Klassiker, Mauritz Stillers „Erotikon“ von 1920, von Studierenden der Musikhochschule Lübeck live neu vertont. Unglaublich, wie modern Stiller vom Liebesgeplänkel seiner Figuren erzählt, das Happy End sieht dann folgendermaßen aus: Das eigentlich glücklich verheiratete Paar trennt sich, sie geht mit dem besten Freund ihres Ex-Gatten zusammen, und er mit seiner deutlich jüngeren Nichte (!).
Straße der HoffnungDa ist eine offene Weltanschauung gefragt beim Lübecker Publikum, und die hat in der alten Hansestadt Tradition. Das Filmfest ist fest im kulturellen Bewusstsein verankert, der Trubel in der wunderschönen Altstadt noch größer als sonst. Die vielen Gäste aus dem nordischen Ausland fühlen sich hier gut aufgehoben. Und auch die deutschen: Herausragender Star der fünf Festivaltage am ersten Novemberwochenende war ohne Zweifel Mario Adorf – kein Star, eine Legende! Er gehörte zum Ensemble eines interessanten deutschen Films. In „Altersglühen – Speed Dating für Senioren“ wagt Autor und Regisseur Jan Georg Schütte Ungewöhnliches: Ausgestattet mit einer groben fiktiven Biografie ließ er 13 ältere Stars des deutschen Films im Speeddating aufeinander los und beobachtete dieses rund zweistündige Improvsiations-Happening mit zig Kameras gleichzeitig. Das nach einem Jahr Schneidephase entstandene Ergebnis ist ein heiter-melancholisches Schauspielerfest mit Senta Berger, Michael Gwisdek, Christine Schorn, Mario Adorf und etlichen anderen. Der Film hat durchaus Kinoformat, läuft aber bereits am 12. November zur Primetime im Ersten.
Und dann war da noch dieser eine Film im Spielfilmwettbewerb, der alle anderen überragte und völlig zu Recht den Hauptpreis einfuhr: In „Vonaerstrжti“ („Straße der Hoffnung“ / Foto links) gelingt es dem Isländer Baldvin Z, aus der Verquickung dreier Einzelschicksale ein Gesellschaftsporträt Islands kurz vor dem Bankencrash 2008 zu zaubern. Intensiv, glänzend fotografiert und gespielt – ein 128-Minutenepos, das einen deutschen Verleih verdient hätte und in dem ein bemerkenswerter Satz fällt: „Was kuckst du denn so ernst? Du siehst aus wie ein Deutscher im Sommerurlaub!“

Fotos: Nordische Filmtage

Die Preisträger und Lobende Erwähnungen:

NDR Filmpreis:
STRASSE DER HOFFNUNG (VONARSTRЖTI), Regie: Baldvin Z., Island

Je eine Lobende Erwähnung geht an:
BRIEF AN DEN KÖNIG (BREV TIL KONGEN), Regie: Hisham Zaman, Norwegen
AUF DER FLUCHT (HE OVAT PAENNEET), Regie: J-P Valkeapää, Finnland

Publikumspreis der „Lübecker Nachrichten“:
HALLOHALLO (HALLЕHALLЕ), Regie: Maria Blom, Schweden

Baltischer Filmpreis:
SCHWEDENBASTARD (SVENSKJЖVEL) Regie: Ronnie Sandahl, Schweden

Kirchlicher Filmpreis Interfilm:
1001 GRAMM (1001 GRAM), Regie: Bent Hamer, Norwegen

Dokumentarfilmpreis:
FRÜHER TRÄUMTE ICH VOM LEBEN (NÄIN UNTA ELÄMÄSTÄ)
Regie: Jukka Kärkkäinen / Sini Liimatainen, Finnland

Preis der Kinderjury:
DER JUNGE MIT DEN GOLDHOSEN (POJKEN MED GULDBYXORNA) Regie: Ella Lemhagen, Schweden

Je eine Lobende Erwähnung geht an:
KICK IT! (KULE KIDZ GRЕTER IKKE), Regie: Katarina Launing, Norwegen
DAS WEIHNACHTSFEST VON SOLAN UND LUDVIG (SOLAN OG LUDVIG – JUL I FLЕKLYPA), Regie: Rasmus A. Sivertsen, Norwegen

Kinder- und Jugendfilmpreis:
DER LEHRJUNGE (OPPIPOIKA), Regie: Ulrika Bengts, Finnland

Eine Lobende Erwähnung geht an:
DAS WEIHNACHTSFEST VON SOLAN UND LUDVIG (SOLAN OG LUDVIG – JUL I FLЕKLYPA), Regie: Rasmus A. Sivertsen, Norwegen

CineStar-Preis:
UNTER UNS DAS BLAU (BLUE BENEATH), Regie: Paul Spengemann, Deutschland

www.filmtage.luebeck.de

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