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„Another Year“ im Kino

Another Year

„Das ist eines meiner Experimente, dass ich die Perspektive verschiebe“, sagt Leigh dazu. „Dazu gehört auch der Anfang des Films, der Tom und Gerri an ihrem jeweiligen Arbeitsplatz zeigt: Mir war es wichtig, eine Art emotionale Aufwärmphase für den Zuschauer zu haben – anderenfalls wäre man gleich in das Heim von Tom und Gerri gekommen, das sehr glücklich und ‚cosy‘ wirkt – so aber ist man vorgewarnt, dass es nicht immer so bleiben wird.“ Dass er Mary gelegentlich dem Spott preisgebe (was ihre deutsche Synchronstimme noch verstärkt), bestreitet er: „Für mich ist Mary von Anfang an eine reale Figur – aber sie hat viel Unsinn im Kopf, etwa wenn sie sich betrinkt. Diese Frau ist absurd – aber keine Karikatur„, beharrt Leigh. Er kann aber gleichzeitig die Einwände nachvollziehen, zumal, wenn man sich daran erinnert, dass Lesley Manville, die Mary spielt, vor 22 Jahren in seinem Film „High Hopes“ eine versnobte Nachbarin verkörperte, die als karikiertes Gegenstück zu seinen Protagonisten aus der Arbeiterklasse fungierte. Dieses Paar wurde damals von Phil Davis und Ruth Sheen verkörpert, beides Leigh-Veteranen. Davis spielt in „Another Year“ zum sechsten Mal bei Leigh, eine kleine Rolle als Freund von Tom, Sheen ist Gerri, ihre fünfte Rolle für Leigh. Könnten Tom und Gerri vielleicht die älter gewordenen Figuren aus „High Hopes“ sein?  
„Man könnte sagen, dass Cyril und Shirley in ‚High Hopes‘ eine Art Vorfahren sind von Tom und Gerri, in thematischer Hinsicht. Aber ich würde nicht sagen, dass sie dasselbe Paar sein könnten: Tom würde nie so politisch sein, wie es Cyril war. Tom ist sehr intelligent und engagiert, aber kein Kämpfer, er hält eher Distanz. Das gilt in gewisser Weise auch für Gerri. Aber Sie haben recht, was die Kontinuität zwischen meinen Filmen anbelangt – bestimmte Fragestellungen tauchen immer wieder auf.“
Another YearWährend des Gesprächs bleibt Mike Leigh distanziert, ein bisschen hat er auch etwas Einschüchterndes mit seiner Autorität – um ihn zum Schmunzeln zu bringen, muss man also etwa eine naive Frage stellen: „Konnten Sie den Film in chronologischer Reihenfolge drehen, im Verlauf der Jahreszeiten?“ Leigh lacht: „Ich liebe diese Frage! Das ist so optimistisch. Mir gefällt die Idee, dass wir das so hätten machen können. Nein, wir haben den ganzen Film in zwölf Wochen gedreht – vergessen Sie nicht, dass wir es hier mit einem Low-Budget-Film zu tun haben.“

Text: Frank Arnold

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Another Year“ im Kino in Berlin

Another Year, Großbritannien 2010; Regie: Mike Leigh; Darsteller: Jim Broadbent  (Tom), Lesley Manville (Mary), Ruth Sheen (Gerri); 129 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 27. Januar

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