Kino & Stream

„Another Year“ im Kino

Another Year

Alles ganz anders dieses Mal – das könnte man denken, wenn man Mike Leigh erst mit seinem vorangegangenen Film „Happy-Go-Lucky“ entdeckt hat. In dessen Zentrum stand eine junge Frau, Poppy, die sich durch das auszeichnete, was man ein sonniges Gemüt nennt, immer gut aufgelegt, allen Widrigkeiten mit unverbesserlichem Optimismus trotzend – „eine Frau von überschäumender Energie“, wie Leigh selber sagt.
Dagegen jetzt, in „Another Year“, eine Frau, der es schwerfällt, etwas auf die Reihe zu kriegen, die hyperaktiv und zugleich unsicher ist, und ihren Frust regelmäßig im Alkohol ertränkt. Mary ist ein einsamer Pechvogel, bemitleidenswert, manchmal auch anstrengend bis nervtötend. Allerdings steht Mary nicht so im Zentrum von „Another Year“ wie es Poppy bei „Happy-Go-Lucky“ tat. Denn der neue Film von Mike Leigh ist ein Ensemblestück, wie eigentlich alle Arbeiten, die der britische Filmemacher seit seinem Debüt „Bleak Moments“ (1971) vorgelegt hat. Manche verfügen aber über sehr dominante Figuren in ihrem Zentrum. Vor „Happy-Go-Lucky“ war das vor allem der Fall bei „Naked“ (der Leigh 1993 die Goldene Palme in Cannes einbrachte und damit seine internationale Bekanntheit begründete) – in dem pessimistischen Gegenstück zu „Happy-Go-Lucky“ hetzte David Thewlis als nihilistischer Gossenphilosoph durch die Straßen von London und verlieh dem Film damit seine Ruhelosigkeit.
Mike Leigh„Another Year“ ist nun geradezu kontemplativ. Den ruhenden Mittelpunkt bildet hier das Paar Tom und Gerri. Beide sind bereits im Rentenalter, die ersten Szenen zeigen sie allerdings in ihren jeweiligen Berufen. Tom ist Geologe, der den Boden für Bauprojekte prüft, Gerri arbeitet als Therapeutin in der Gesundheitsbehörde. Der Rest des Films spielt fast ausschließlich im Haus der beiden, Gäste kommen und gehen, allen voran Gerris Arbeitskollegin, die alleinstehende Mary, daneben tauchen alte Freunde, Arbeitskollegen und Tom und Gerris Sohn Joe auf.
Leigh erzählt das in einem gelassenen Tempo, Übergänge ergeben die vier Jahreszeiten, in denen der Film spielt und in denen die Figuren dem Zuschauer immer vertrauter werden, auch weil wir Neues über sie erfahren, wobei es die eine oder andere Veränderung in ihrem Leben gibt. Es ist ein Jahr, kein besonderes, nur ein weiteres, eben „another year“. „Die Entscheidung, den Film in die vier Jahreszeiten aufzuteilen, befreite mich in gewisser Weise“, sagt Mike Leigh, „es gab mir die Möglichkeit, in jedem Kapitel eine eigene Geschichte zu erzählen und dabei die Perspektive zu wechseln, neue Figuren hinzuzufügen.“
Es ist sein Blick auf die Figuren, der die Besonderheit von Mike Leighs Filmen ausmacht, diese Mischung aus Zuneigung und Distanz, die immer wieder in tragikomischen Momenten kulminiert. Wenn Mary in der letzten Sequenz unvermittelt im Haus von Tom und Gerri auftaucht und dort nur Toms Bruder vorfindet, sich betrinkt und ihn (und die Zuschauer) an ihrer geballten Verzweiflung teilhaben lässt, dann möchte man sie vor der Welt, die ihr so böse mitgespielt hat, beschützen. Und wenn die zurückgekehrte Gerri, wenig erbaut von diesem Überraschungsgast, am Ende zu Mary sagt, sie benötige „professionelle Hilfe“, dann lässt das plötzlich Gerri in einem anderen, weniger positiven Licht erscheinen, war sie doch bislang äußerst nachgiebig gegenüber Marys Fehlern. Den Zuschauer fordert dies auf, sein eigenes Verhältnis zu den Figuren zu entwickeln – dem einen wird Mary von Anfang an auf die Nerven gehen, so wie die Fröhlichkeit von Poppy oder auch die schrille Stimme von Blenda Blethyn in „Lügen und Geheimnisse“.

1 | 2 | weiter

Mehr über Cookies erfahren