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„Anvil! Die Geschichte einer Freundschaft“ im Kino

Japan, Sommer 1984: Beim Super Rock-Festival bejubeln mehrere zehntausend Headbanger die Weltelite des Hardrock. Neben Whitesnake, Bon Jovi und den Scorpions steht auch die kanadische Band Anvil auf dem Programm. „Metal on metal“, kreischt deren Frontmann Steve „Lips“ Ludlow ins Mikrofon, „Keep on rocking, keep on pounding.“ Dann schüttelt er seine Lockenpracht und lässt einen riesigen Dildo über die Saiten seiner Flying-V-Gitarre gleiten. Er sieht glücklich aus, und das ist kein Wunder: Die Welt scheint ihm zu Füßen zu liegen.
Mehr als 20 Jahre später steht seine Band nach einem Fes­tival-Auftritt mit ihrem Equipment auf einem Bahnsteig in Schweden. Lips ist ratlos, und seine eifrige, aber gnadenlos inkompetente Managerin Tiziana weiß auch nicht weiter. Der Zug ist ausgebucht, die Band darf nicht einsteigen. Für einen eigenen Tourbus war nicht genug Geld da, und nun sitzen sie in der skandinavischen Provinz fest.
Der schwedische Regionalexpress ist nicht der erste Zug, der ohne Lips und seinen treuen Mitstreiter Robb Reiner abfährt. Der Heavy-Metal-Boom der 80er Jahre ist an den beiden vorübergegangen. Während die Bands, mit denen sie sich beim Super Rock-Festival die Bühne teilten, Welterfolge feierten und reihenweise goldene Schallplatten einheimsten, hat es für Anvil auf Dauer nicht einmal zum Kultstatus gereicht. Nach 30 Bandjahren und zwölf Alben müssen sie ihr Geld mit schlecht bezahlten Jobs verdienen, der eine fährt einen Lieferwagen, der andere arbeitet auf dem Bau. Sie haben die 50 hinter sich gelassen, ihre Matten sind dünn und strähnig geworden, aber sie lassen sich nicht entmutigen. Als sie das Angebot bekommen, auf große Europatournee zu gehen, verpfänden sie ihre Häuser und wollen es noch einmal wissen. Schlechte Organisation und mangelhafte Promotion machen die Tour zum Desaster. Bei einigen Shows finden sich nur ein paar Betrunkene ein, mehrfach steht ihre langjährige Freundschaft auf dem Spiel, und doch gehen Lips und Robb mit einem kindlichen Ent­husiasmus zu Werk, für den man sie einfach nur umarmen möchte.
Man muss kein Metal-Liebhaber sein, um diesen Film zu mögen. Der britische Regisseur Sasha Gervais macht aus dem scheinbar aussichtslosen Ringen zweier unverbesserlicher Loser eine anrührende und zugleich ermutigende Tragikomödie. Bei aller unfreiwilligen Komik ihrer Bemühungen gibt er seine Protagonisten nie der Lächerlichkeit preis, sondern zeigt die Bescheidenheit und die Weisheit, die aus ihrem Scheitern hervorgeht. „Ich glaube immer noch, dass da etwas ist, das uns führt“, sagt Lips bei einem Ausflug nach Stone­henge, „eine Aura, die uns beschützt und uns antreibt wei­terzumachen.“ So wird aus „Anvil! Die Geschichte einer Freundschaft“ ein Lehrstück da­rüber, wie man Enttäuschungen und unerfüllte Erwartungen weg­steckt: Man ignoriert sie, so gut es geht, und hält sich an seinen Freunden fest.

Text: Heiko Zwirner

Fotos: Brent J. Craig

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Anvil! Die Geschichte einer Freundschaft“ im Kino in Berlin

Anvil! Die Geschichte einer Freundschaft (Anvil! The Story of Anvil), USA 2008; Regie: Sacha Gervasi; mit Robb Reiner, Steve „Lips“
Ludlow, Tiziana Arrigoni, Lars Ulrich, Tom Araya; Farbe, 90 Minuten

Kinostart: 11. März

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