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„Around The World in 14 Films“ im Babylon Mitte

Im Alter von Ellen

Wenn eine Stewardess bei laufendem Triebwerk just während der Sicherheitsanweisungen ein Flugzeug verlässt, dann liegt eindeutig ein Problem vor. Es betrifft im Fall von Ellen aber nur sie selbst. Die Hauptfigur des neuen Films von Pia Marais („Die Unerzogenen“) gerät nach vielen Flügen in eine profunde Identitätskrise. Das macht sie aber auch empfänglich für neue Erfahrungen – sie gerät an eine Gruppe junger Leute, radikale Tierschützer, die in spektakulären Aktionen ihre Sache vertreten. In dieser Welt, die von der ihr bisher bekannten so weit entfernt ist wie Afrika von Deutschland, versucht Ellen sich wieder zurechtzufinden, und Pia Marais versucht, aus den Irritationen, die ihrer Hauptfigur widerfahren, einen Film zu machen, der so durchlässig und dünnhäutig wirkt wie die Protagonistin.
Wenn „Im Alter von Ellen“ (Foto oben) nun in Berlin auf dem Festival „Around the World in 14 Films“ präsentiert wird, so hat dies eine gewisse Stimmigkeit. Denn ein Gefühl von Ortlosigkeit kann sich nach dem schnellen Konsum von einer Reihe von Filmen aus aller Welt genauso einstellen wie das Gegenteil – ein Eindruck von Vertrautheit mit fremden Orten, wie sie sich sonst nur noch auf Reisen einstellt. „Around the World in 14 Films“ ist so etwas wie eine besonders knappe Definition eines Festivals. Es gibt keinen Wettbewerb, keinen Markt, kein übergeordnetes Thema, es gibt nur diese beiden Bezugsgrößen – auf der einen Seite das Babylonkino in Berlin, einer Stadt, in der ja nun nicht wenige Filme pro Jahr zu sehen sind; auf der anderen Seite die ganze Welt mit ihrer Produktion der jüngsten Zeit. Dazwischen steht Bernhard Karl, der die Filme aussucht und auch noch Paten dafür, die sie dann am jeweiligen Vorführabend vorstellen.
Silent SoulsZum Beispiel die Schauspielerin Maria Schrader, die den Eröffnungsfilm präsentieren wird, „Life During Wartime“ von Todd Solondz, der in England auch schon auf DVD vorliegt. Der vielleicht umstrittenste amerikanische Filmemacher setzt hier noch einmal bei seinem Pädophilendrama „Happiness“ an, mit dem er 1998 für Aufsehen gesorgt hatte. Mit neuen Darstellern, aber zum Teil Figuren von damals, bevölkert Solondz erneut eine Welt, die unter neurotischem Hochdruck steht, und in der die Grenze zu den Toten durchlässig ist.
Wie bei einem so heterogenen Programm zu erwarten, gibt es bei „Around the World in 14 Films“ im Grunde 14 Solitäre zu sehen, 14 sehr unterschiedliche Projekte. Es sind Festivalhits darunter wie Andrej Ujicas „Die Autobiografie des Nicolae Ceausescu“ oder „Silent Souls“ (Foto links)von Aleksei Fedorchenko, der in Venedig für großes Interesse sorgte und ein postindustrielles, ethnisch-surreales Russland zeigt; oder „Winter Vacation“ von Li Hongqi, der in Locarno heuer den „Goldenen Leoparden“ erhielt, eine unerwartet komische Geschichte aus der harten chinesischen Provinz. Manche Filme werden regulär ins Kino kommen, so „The Green Wave“, eine Kompilation von Beiträgen, mit denen Menschen im Iran die Proteste gegen die Manipulation der Präsidentenwahlen in ihrem Land vor einem Jahr angefilmt haben – häufig einfach mit dem Handy.
Zwei der 14 Filme ragen noch aus anderen Gründen aus dem Programm heraus. „Valhalla Rising“ von Nicolas Winding Refn packt in eine mythologisierende Geschichte das ganze Pathos, das seit Ingmar Bergmans Existenzuntersuchungen irgendwie verwaist war und nun in einen potenziellen Block­buster geflüchtet ist (der Präsentator Olaf Möller dürfte als Gewährsmann für abseitig Relevantes ausreichen). Die persönlichste Arbeit stammt von dem englischen Dokumentaristen Terence Davies: „Of Time and the City“ ist ein Porträt seiner Heimatstadt Liverpool, zugleich die Beschwörung einer verloren gehenden Welt.

Text: Bert Rebhandl

Around the World in 14 Films, 5. Weltkino­festival im Babylon Mitte, Fr 26.11. bis Sa 4.12.

Lesen Sie hier: Ein Interview mit Regisseur Andrea Ujica zu seinem Film „Die Autobiografie des Nicolae Ceausescu“

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