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„Around the World in 14 Films“ im Babylon

Kriegerin

Zwei türkische Verbrecher, die bei einem Lokalaugenschein die Leiche des von ihnen Ermordeten nicht mehr finden wollen; ein haitianischer Sprachlehrer, der Gott um Erlösung von seinen Kopfschmerzen anfleht; eine schwangere Ehefrau im Iran, die versucht, von den Autoritäten unbemerkt ihre Flucht aus dem Land vorzubereiten; ein portugiesischer Waisenjunge im 19. Jahrhundert, der auf der Suche nach seiner Herkunft die ganze spätfeudale Gesellschaft seines Landes durchquert (und durcheinanderbringt): Dies sind nur einige unter den Protagonisten der Filme, die in diesem Jahr das Festival „Around the World in 14 Films“ ausmachen.
Eine deutsche Hauptfigur muss noch eigens hervorgehoben werden, weil ihr unvermutet dramatische Aktualität zugewachsen ist: Marisa, die in David Falko Wnendts „Kriegerin“ (Szenenbild oben/Foto: Ascot Elite) im Mittelpunkt steht, ist eine junge Rechtsradikale in einer ostdeutschen Kleinstadt. Sie macht in dieser Geschichte einige Erfahrungen, die ihr Weltbild, das auf Ressentiments aufgebaut ist, ins Wanken bringen. Für ein Festival ergibt das eine ambivalente kuratorische Pointe: Man fährt einmal um den Erdball des Weltkinos, und dann ergibt ausgerechnet der ausgesuchte Beitrag aus dem eigenen Land den Moment mit der größten politischen Spannung.
„Kriegerin“ ist Film Nr. 15 zu den 14 internationalen Beiträgen, die Bernhard Karl mit seinem Team in diesem Jahr vorstellt. Es ist die 6. Ausgabe dieses eigentümlichen Festivals, das im Grunde ja Sahnehäubchencharakter hat, und bei dem man sich trotzdem ganz schlimm vertun könnte. Denn „die besten Filme aus Cannes, Locarno, Venedig und San Sebastian“ auszusuchen, das stellt man sich zuerst einmal als nicht allzu schwer vor, ist aber ein tückisches Unterfangen. 14 aus mehreren hundert Filmen, das geht nur mit einiger Qual der Wahl, und nicht ohne einen Schuss Subjektivität.
Mysteries of LisbonIn diesem Jahr ist die Auswahl bei allen diplomatischen Rücksichtnahmen und strategischen Entscheidungen auf jeden Fall als überwiegend sehr geglückt zu betrachten. Das betrifft nicht zuletzt die Mischung der Formate, Herkunftsländer und ästhetischen Ansätze, und es betrifft auch die Würdigungen aktueller Ereignisse, die im Programm enthalten sind. So gibt es einen traurigen Anlass für „Mysteries of Lisbon“ (Foto links), denn der Regisseur Raъl Ruiz ist vor einiger Zeit gestorben. Das Werk, das er hinterlässt, ist grandios, und die Gelegenheit, es auf der großen Leinwand des Babylon sehen zu können, außergewöhnlich.
Der exilchilenische Regisseur hat sich einen Klassiker der portugiesischen Nationalliteratur vorgenommen, und ihn in ein aufregendes Erzählexperiment voller Abgründe verwandelt. Pedro, der einer illegitimen Beziehung seiner Mutter Angela mit einem mittellosen Mann entstammt, enthüllt in „Mysteries of Lisbon“ wie von selbst die Geheimnisse der besseren Gesellschaft in dem Zentrum des untergehenden Weltreichs Portugal. Eigentlich handelt es sich bei „Mysteries of Lisbon“ um eine Fernsehserie, die auch schon auf Arte lief; doch die viereinhalbstündige Filmfassung gilt jetzt schon als moderner Klassiker.

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