Literaturverfilmung

„Arrival“ im Kino

Mathematik und Fantasie: Der brillante Kanadier Denis Villeneuve hat mit „Arrival“ Science Fiction für Fortgeschrittene kreiert

Foto: 2016 Sony Pictures

Sie sind gelandet! Die Außerirdischen sind da. In zwölf riesigen Raumschiffen, die über die ganze Erde verteilt „vor Anker“ gehen. Was wollen sie? Um das herauszufinden, rekrutiert der amerikanische Colonel Weber die Linguis­tin Louise Banks und ein Team an Wissenschaftlern.
Doch es wird schnell klar, dass eine verbale Verständigung mit den Hepta­poden – die hinter einer milchigen Scheibe verdeckt wie ­Wesen aus einer Geschichte von H.P. Lovecraft aussehen – unmöglich ist. Schließlich gelingt es Dr. Banks jedoch zumindest ­teilweise, das Schriftsystem der Außerirdischen zu entschlüsseln. Und das ist über­raschenderweise nicht linear.
Linguistik als Konzept in der Science Fiction, das ist die Idee, die hinter Ted Chiangs Erzählung „Geschichte deines Lebens“ steckt (auf dessen absolut brillanten Erzählband „Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“ nur in dieser Klammer hingewiesen werden kann). Chiang, von Hause aus Informatiker, schreibt seit 20 Jahren und hat in dieser Zeit gerade mal eine Handvoll Kurzgeschichten und Erzählungen veröffentlicht. Jede davon ist zumindest konzeptionell ein kleines Meisterwerk, viele sind mit den verschiedensten literarischen Preisen ausgezeichnet.

Ein kongenialer Partner also für den kanadischen Regisseur Denis Villeneuve, dessen Filme sich auch nicht durch ein Übermaß an Herzenswärme auszeichnen. Und trotzdem – vielleicht weil „Arrival“ menschliche Verhaltensweisen unter kühlen Laborbedingunen thematisiert – baut der Film eine unheimliche Nähe zu seinen Hauptfiguren auf: Immer wieder wird Banks von Visionen über das (zukünftige?) Leben ihrer Tochter geplagt. Und wenn das Wissenschaftlerteam mittels einer Hebebühne die Gänge des riesigen, schwebenden Raumschiffs betritt, dann sind wir dank der Kamera von Bradford Young und des großartigen Soundtracks von Jóhann Jóhannsson (der auch schon Villeneuves Filme „Prisoners“ und „Sicario“ veredelte) ganz nah an den ­Figuren dran.

„Arrival“ ist Science Fiction wie sie sein sollte, stellt kluge Fragen über unser Woher und ­Wohin, getragen von nachdenklichem Optimismus. Er zeigt, dass unsere Sicht auf diese Welt immer von unserer Herkunft geprägt wird und eröffnet gleichzeitig neue Perspektiven. Der herkömmlichen westlichen Sichtweise, das Wissenschaft und Kunst gegensätzliche Dinge sind, widerspricht Villeneuve mit aller Macht. Vielmehr sind sie zwei Seiten der gleichen Medaille: Ohne Mathematik und Physik ist die Schrift- und Denkweise der Aliens ebenso wenig zu entschlüsseln wie ohne Krea­tivität und Fantasie. Diese Philosophie macht „Arrival“ zu einem Film, der noch lange im Zuschauer nachhallt.

Natürlich ist die Auflösung der Frage „Was wollen die Aliens?“ ein ziemlicher Mindfuck, dem von Christopher Nolans „Interstellar“ nicht unähnlich. Aber daneben gibt es genug großartige Schauspielleistungen, grandios gefilmte Hubschrauberflüge und tickende Zeitbomben, um den Zuschauer gut zu unterhalten. Und wer bisher skeptisch auf Ville­neuves nächsten Film – die „Blade Runner“-Fortsetzung, die gerade in Budapest gedreht wird – gewartet hat, der weiß jetzt, dass er sich freuen kann.

Arrival USA 2016, 116 Min., R: Denis Villeneuve, D: Amy Adams, Jeremy Renner, Forest Whitaker, Start: 24.11.

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