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„The Artist“ im Kino

The Artist

Als Michel Hazanavicius kürzlich mit seinem Stummfilm „The Artist“ durch die Premierenkinos tourte, erinnerte das Szenario ein wenig an den Anfang seines Films: Der beginnt im Innern eines Kinopalastes, die letzten Filmbilder laufen, die Schauspieler warten hinter der Leinwand gespannt auf die Publikumsreaktion. Als das französische Filmteam jetzt in den Kinos seinen Film zeigte, war Hauptdarsteller Jean Dujardin meist für ein Späßchen gut: Er will das Wort an die Zuschauer richten, bewegt die Lippen – doch seine Rede bleibt stumm. Was natürlich prima passt zu „The Artist“. Hier verkörpert der Pariser Schauspieler und Komiker einen Stummfilmhelden namens George Valentin, dessen Karriere den Bach runtergeht, als der Tonfilm um 1930 Hollywood erobert. Der Film führt hinter die Kulissen der alten Traumfabrik: in die mythische Studiowelt von Firmen wie Fox und MGM, in eine Ära von Leinwandgöttinnen und Helden а la Greta Garbo und John Gilbert. Ähnlich wie Garbos Stammpartner im echten Leben erkennt auch der Held in „The Artist“ die Zeichen der Zeit zu spät. Erste Probevorführungen mit Ton tut der stolze Star spöttisch ab. Bald erlebt eine Nebendarstellerin, mit der ihn eine zarte Liebe verbindet, einen kometenhaften Aufstieg als Tonfilmstar, während es für ihn scheinbar kein Zurück gibt.
Für sein klassisches Liebesdrama hat Hazanavicius nicht nur Ausstattung und Kostüme nachempfunden. Die Einfühlung ins goldene Hollywood reicht bis in das Technikvokabular. Neben dem Verzicht auf Farbe und fast gänzlich auf Dialoge – außer zwei großartigen Ausnahmen – greift der Film auch die Bildsprache der Vorbilder auf: von der gemächlichen Kamerabewegung ohne Steadycam über die Wahl zeittypischer fotografischer Linsen bis zum alten 4:3-Bildformat. So viel Liebe zum Detail strahlen die Bilder aus, dass schon ein neuer Genrebegriff im Umlauf ist: „Retrovision“. Damit soll eine Spielart im Mainstream-Kino bezeichnet werden, für die etwa auch die Grindhouse-Filme von Tarantino/Rodriguez stehen: eine perfekte Anverwandlung verblichener Filmgenres bis in die Herstellungsweise – samt charakteristischer Schwächen wie ausgewaschene Farben oder drollig ruckelnde Rückprojektionen.
Als „Retrovisionär“, der sich für ein akkurates Requisit krummlegt, sieht sich Hazanavicius nicht. „Viele halten mich in der Hinsicht für einen Besessenen. Dabei sind mir solche Details gar nicht so wichtig“, erzählt er in einem Hotelzimmer in Berlin am Tag nach der Gala des Europäischen Filmpreises. „Wir haben den Film zwar an authentischen Orten gedreht: in einem klassischen Studioset in Hollywood, aber nicht jedes Detail ist vollkommen korrekt. Wichtiger ist es mir, was das Publikum empfindet, ob es die Geschichte glaubt.“ Ohnehin sieht der 44-Jährige seinen Film nicht als lupenreine Hommage an die Zwanzigerjahre. „Es ist eine weiter gefasste Verbeugung vor dem klassischen Hollywoodfilm. In ‚The Artist‘ gibt es ja auch Referenzen auf Filme wie ‚Citizen Kane‘, ‚Sunset Boulevard‘ oder ‚Singin’ in the Rain‘. Abgesehen davon erzähle ich eine ganz einfache Geschichte, die einen auch berühren kann, wenn man von Stummfilmen überhaupt keine Ahnung hat.“ Unbedingt wichtig sei es gewesen, die Geschichte ohne Ironie zu erzählen, sagt er. „Ich versuche zwar auch, witzig zu sein und zu unterhalten. Aber ironisch ist der Film nicht. Würdest du anfangen, ironisch zu sein und dich lustig zu machen über die Figuren, dann killst du das Melodrama. Dann gibt es auch keine Rückkehr, das ist sehr fragil.“

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