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Athina Rachel Tsangari im Gespräch

Athina Rachel Tsangari

tip Sie haben viele Kurzfilme gedreht, eine Installation für die Akropolis gemacht, für die Olympischen Spiele haben Sie die Projek­tionen für die Eröffnungszeremonie gestaltet, ein riesiges Format.
Athina Rachel Tsangari Ich habe, wenn man ans Budget denkt, ein paar Rieseninstallationen gemacht. Mich haben die Bezüge zum Ort interessiert, in der Stadt mit der Architektur zu arbeiten. Das ist meine andere Leidenschaft.

tip Gibt es eine Hierachie in Ihrem Werk?
Athina Rachel Tsangari Nein, ich liebe die alle, und ich hasse sie alle. Es ist eine doppelte Beziehung. Andere Regisseure machen Werbung und Spielfilme, Theater und Film. Es muss nicht das eine oder das andere sein. Ich habe zehn Jahre lang ein Avantgarde-Kurzfilm-Festival in Texas organisiert, das war im Grunde eine Filmschule für mich, bis wir selbst begonnen haben, unsere eigenen Filme zu machen.

tip Sie haben vorhin von den Figuren gesprochen, die für Sie eine Spezies für sich formen. Es ist nicht wie bei Makavejev, wo es etwas gibt, das der Sozialismus, der Totalitarismus einfach zermalmt. Ihr Film ist vielleicht sehr charakteristisch für das 21. Jahrhundert, weil er nur eine kleine Ausfallbewegung zur Seite macht, nur manches verschiebt.
Athina Rachel Tsangari Es ist einfacher, den Feind zu identifizieren, wenn man in der Mitte einer Totalität steht. Wir sehen uns heute aber einer Lage gegenüber, in der alles eine gewisse Vagheit hat. Wie ein Nebel, als ob Leinwände rund um uns stünden und wir selbst wie Avatare unserer selbst wären. Das killt Begehren. Es ist kein guter Nährboden für die Wiedergeburt des Begehrens.

tip Der Film selbst ist eine fast musikalische Komposition mit eigenen Themen.
Athina Rachel Tsangari Ich wollte ihn wie ein Musical strukturieren, mit frischer Perspektive: Man hat keinen Soundtrack, nur Songs, die sich stark auf die Aktion beziehen. Wenn die Aktion stoppt, kommt eine kleine Musiknummer. Ein Song, ein „Silly Walk“, ein Tanz. Nein, das Wort Tanz mag ich gar nicht verwenden, es sind „Silly Walks“.

tip Die Inspiration ist wirklich Monty Python?
Athina Rachel Tsangari Ja, definitiv. Wir haben sie studiert, manche kopiert, auch wenn man sie nicht kopieren kann. Monty Python ist eine starke Inspiration für mich. Es ist eine sehr fortgeschrittene Art von Humor, wie der britische Humor insgesamt. Tiefschwarz, mit einem fantastischen Sinn für Sarkasmus und Ironie, sehr lakonisch. Ein Wort. Eine Bewegung. Aber darin versteckt sich auch immer ein scharfer Kommentar, der ins Herz der Sache zielt.

tip Die Landschaft in „Attenberg“ erinnert an Antonionis „Rote Wüste“. Seine Filme handeln von Bürgern, die einen umfassenden gesellschaftlichen Wandel spüren, ihn aber selbst nicht verstehen können. Hat Sie das inspiriert?
Athina Rachel Tsangari Antonioni ist groß. Es ist faszinierend, wie er Landschaften aus nichts heraus erschafft, die er aussehen lässt, als wäre es Science-Fiction, egal, wo er dreht, in „L’avventura“, in „Deserto rosso“, „The Passenger“. Es gibt immer so eine Fremdheit darin. In „Attenberg“ haben wir diese modernistische Stadt, die als ein Utopia, eine utopische Fabrikstadt in den Sechzigern gebaut wurde. Mein Vater arbeitete dort.

tip Als Architekt, wie in Ihrem Film?
Athina Rachel Tsangari Nein, als Ingenieur. Ich habe dort einige Jahre verbracht. Es waren die Boom-Jahre, er hat auch stark an diese Stadt – und was damit verbunden war – geglaubt. Für mich war es wichtig, zurückzugehen und den Kollaps aufzuzeichnen, das Ende, die Unmöglichkeit der Utopie. Die Unmöglichkeit der Idee der Moderne.

Interview: Robert Weixlbaumer

Fotos: Rapid Eye Movies

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Attenberg“ im Kino in Berlin

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