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Athina Rachel Tsangari im Gespräch

Athina Rachel Tsangari

tip Frau Tsangari, „Attenberg“ verbindet Wunder der Tierwelt mit Mysterien der Sexualität und utopischen Ideen, fast fühlt man sich an Duљan Makavejevs „Mysterien des Organismus“ erinnert.
Athina Rachel Tsangari Ich habe den Makavejev gesehen, als ich ziemlich jung war, und ich bin ziemlich sicher, dass ich damals sehr tief beeindruckt war. Ich fand interessant, auf die Menschen in meinem Film wie auf eine ganz besondere Spezies für sich zu blicken.

tip Eine besondere Spezies?
Athina Rachel Tsangari Ja, als ob die vier eine Art für sich wären. So wie der Tierdokumentarist Sir David Attenborough hinausgeht und in einer bestimmten Umgebung eine Spezies beobachtet, Verhaltensmuster, die Mysterien von Erholung und Fortpflanzung. Ich wollte meine Figuren von unnötigem Realismus befreien und zu Prototypen einer Spezies machen, die teils Mensch ist und teils Tier.

tip Fortgeschrittene Wesen, verglichen mit jenen, die jetzt auf der Erde wandeln?
Athina Rachel Tsangari Ja. Ich fand es interessant, dieses Mädchen zu beobachten, die kein Teenager ist, die es nicht schafft, etwas zu fühlen, etwas zu begehren. Ich sehe diese emotionale Impotenz bei vielen Mädchen in ihrem Alter. Ich wollte ihrer Bewegung folgen, die sie mit einem anderen Element verbindet, dem Tod. Sie beschließt, Sex zu untersuchen, Berührung.

tip Ihre Akteurinnen sind eigentlich Tänzerinnen. Warum haben Sie sie ausgewählt?
Athina Rachel Tsangari Es ist eher umgekehrt, dass Schauspieler in Griechenland in der Regel am Theater arbeiten. Ihr Spiel wirkt auf der Leinwand oft sehr schwerfällig, zu viel Projektion, zu viel Kontrolle. Ich mochte den Minimalismus meiner Hauptakteure, sie haben verstanden, worum es ging, und weil sie kein Sprechtraining haben, mochte ich ihre Redeweisen umso mehr. Es wirkte viel natürlicher, ohne dass es Naturalismus wäre. Die Schauspieler reden, nicht zu viel, bewegen sich, wiederholen Worte, bis die Worte Bedeutung bekommen. Es ist fast wie eine Fantasie, eine Tochter ihrem Vater bestimmte Fragen stellen zu lassen: „Hast du mich dir je nackt vorgestellt?“ – obwohl jede von uns diesen Gedanken gehabt hat. Und seinem Vater zu sagen, dass man sich ihn nackt vorgestellt hat. Es verletzt ein Tabu, so tief eingraviert in uns. Ich interessiere mich nicht dafür, Inzest zu zeigen, das langweilt mich.

tip Warum gibt es dieses Gespräch im Film?
Athina Rachel Tsangari Diese Konversation zu zeigen, ist schon das größte Tabu. Man muss gleichgestellt sein, um auf diese Weise zu sprechen. Man verhandelt ein Machtverhältnis, das die fundamentalste Beziehung in der Gesellschaft ist. Vater und Tochter, Mutter und Sohn. Als Griechen haben wir da eine lange zurückreichende Reihe.

tip Sie haben es erfunden!
Athina Rachel Tsangari Wir haben es erfunden (lacht). Ödipale und Elektra-Beziehungen. Es ist so tief in unsere Kultur eingeschrieben. Nach all den Jahren in Amerika, als ich bereit war, einen Film in meiner Sprache zu machen, wollte ich, dass es um meine Beziehung zu Griechen­land geht. Ich bin gegangen, als ich 19 war.

tip Sie haben davon gesprochen, dass Sie keinen Naturalismus angestrebt haben, und dennoch ist es kein Ideendrama, selbst wenn Sie wie im Dialog zwischen Vater und Tochter die phallische Organisation der Gesellschaft verhandeln.
Athina Rachel Tsangari Es ist schwierig durch Genres zu sprechen, die gewissermaßen voneinander geschieden sind – aber an diese Trennung glaube ich eben nicht. Entweder ein „Experimenteller Film“, ein „Kunst-Film“ oder ein „Naturalistischer Film“ mit Plot und Dreiaktstruktur. Und dass dazwischen ein tiefer Abgrund liegen würde. Filmemacher in den 50er- und 60er-Jahren waren schon viel weiter und vermischten das, ohne Schuldgefühle zu bekommen.

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