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„Attenberg“ im Kino

Attenberg

Bella erzählt Marina einen Traum. Von riesigen Bäumen, Schwanzbäumen, die anstelle von Früchten mit Penissen behangen sind. Es sind große, kleine, mittlere, erigierte, weiche und saftige, mit Linkskurven und Rechtskurven, mit Vorhaut und ohne, kleine und schrumpelige, die sich bewegen, als würden sie atmen. Die Nachtfantasie hat sie mit einem merkwürdigen Geschmack erwachen lassen und mit einem ambivalenten Gefühl. „Eine dieser Sachen, die man mag und die einem zugleich ein Schuldgefühl hinterlassen“, sagt Bella. Es ist die zweite Lektion in Sachen Liebe, die sie Marina verabreicht, schamlos und merkwürdig keusch zugleich, wie das Kusstraining zuvor, das unvermittelt in eine Raubkatzennummer umgeschlagen war.
Athina Rachel Tsangaris „Attenberg“ ist immer vieles zugleich: ein assoziatives Spiel mit der Idee von Griechenland und dem Begraben seiner alten Zukunftshoffnungen, prophetisch inszeniert vor dem Höhepunkt des Finanzdramas, aber schon sensibel für die Krisensymp­tome. Tragikomödie, Semi-Musical mit Tanznummern, Bildungsroman. Von ihrer Freundin Bella will Marina die Technik der Liebe lernen, in einer Welt, in der der Todestrieb längst stärker geworden scheint als die Libidoenergie. Vielleicht, weil Marinas Vater langsam auf sein Sterben zugeht und dabei das zwanzigste Jahrhundert gleich mit sich nehmen will und sie sich mehr und mehr selbst abschneidet von allen vertrauten Rollenspielen zwischen Eltern und Kind, Mann und Frau, Freundin und Freundin. Ihr Blick auf sich selbst ist halb distanziert, halb involviert, beinahe wie Sir David Attenborough (dessen Name der Filmtitel lautmalerisch zitiert), der in seinen Dokus Verhaltensforschung in der Tierwelt betreibt. Ausschnitte seiner Filme durchbrechen „Attenberg“, beschleunigen die Tierwerdung der Figuren, die für einen Moment Vogel spielen, oder Gorilla, wenn sie ihr menschliches Ich abstreifen. Wie ihr Regiekollege Yorgos Lanthimos („Alpen“), dem sie eine Nebenrolle in „Attenberg“ gegeben hat, baut auch Tsangari aus Alltagsszenen, deren Regeln und Abläufe sie oft nur geringfügig verschiebt, eine von leisem Surrealismus gezeichnete Parallelwelt. Es ist ein Abgesang auf die alte Welt und die tastende Erkundung einer neuen, vielleicht ebenso unmöglichen. Spielerische Erforschung einer Zukunft, die es nie geben wird.

Text: Robert Weixlbaumer

Foto: Rapid Eye Movies

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Attenberg“ im Kino in Berlin

Attenberg, Griechenland 2010; Regie: Athina Rachel Tsangari; Darsteller: Ariane Labed (Marina), Evangelia Randou (Bella), Vangelis Mourikis (Spyros); 96 Minuten; FSK 12

Kinostart: 10. Mai

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