Dokumentarfilm

„Auf Ediths Spuren“ im Kino

Was für eine Frau, was für ein Leben!

Selbstporträt, Foto: Basis

Edith Tudor-Hart wurde 1908 in Wien als Tochter jüdischer Sozialisten geboren. Wie später auch ihr jüngerer Bruder, der Fotograf und Kameramann („Get Carter“) Wolf Suschitzky, wurde sie mit sozialkritischen Fotoreportagen bekannt, in Wien ebenso wie in London, wohin sie 1933 emigrierte. Erst vor wenigen Jahren wurde ihr fotografisches Werk mit der Ausstellung und Buchpublikation „Im Schatten der Diktaturen“ einer größeren Öffentlichkeit bekannt, sie war 2014 auch in Berlin zu sehen.

Ihr Engagement beschränkte sich allerdings nicht aufs Fotografieren, als Kurier für die kommunistische Partei in Wien und London, kam sie in Wien in Untersuchungshaft und wurde aus Großbritannien ausgewiesen. In späteren Jahren mehrfach verhört, wurde jedoch erst nach ihrem Tod 1973 bekannt, dass sie jahrzehntelang für den sowjetischen Geheimdienst gearbeitet hatte und eine entscheidende Rolle bei der Rekrutierung der Cambridge Five spielte, der berühmten Sowjetspione um Kim Philby.

Ein Doppelleben: bei dem Tudor-Harts politisches Engagement immer wieder befördert wurde durch die Männer in ihrem Leben, was gleichzeitig aber auch für Konflikte sorgte. Wechselnde Beziehungen zu Männern endeten immer wieder dramatisch. „Du bist mir zu intensiv, Du frisst mich auf, mit Haut und Haaren“ äußert einer ihrer Geliebten, sie selber spricht in einem Brief von ihrer eigenen „Unersättlichkeit“. Was für eine Frau, was für ein Leben!

Der Schriftsteller Peter Stephan Jungk, ihr Neffe, hat ihr Leben 2015 in einem Buch mit dem schönen doppeldeutigen Titel „Die Dunkelkammern der Edith Tudor Hart“ rekonstruiert. Sein darauf basierender Film zeigt ihn bei Archivrecherchen, bei Gesprächen mit Freunden und Familienmitgliedern, mit Fachleuten für Fotografie ebenso wie für Zeitgeschichte und Spionage. Nachgestellte Szenen werden als Animationsfilm umgesetzt und vermeiden dadurch die Fragwürdigkeit herkömmlicher Reenactments mit minderbegabten Schauspielern. Eine Erzählung an der Schnittstelle von Familiengeschichte und Zeitgeschichte. So aufregend kann Wirklichkeit sein.

Auf Ediths Spuren A/GB 2016, 91 Min., R: Peter Stephan Jungk, Start: 9.11.

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