Kino & Stream

„Aufnahme“ und „Besprechung“ im Kino

Besprechung

Der Dokumentarfilmer Stefan Landorf sucht den Sinn in der Struktur. In seinem Debüt „Aufnahme“ von 2001, das der Arsenal-Filmverleih jetzt zusammen mit seiner aktuellen Arbeit ins Kino bringt, analysiert er den Alltag auf der neurologischen Station des Krankenhauses Moabit wie ein Genetiker eine Eiweißsequenz, sucht Kontraste und Korrespondenzen. Das Bildmaterial wird klassifiziert und motivisch rearrangiert, wodurch ein vom Sujet gelöster Rhythmus entsteht, der sich nicht um inhaltliche Gewichtung kümmert: das Rad des Wäschewagens, in dessen Gelenk sich Staub verfangen hat, ist gleichberechtigter Akteur neben dem Chefarzt.
Durch den Wechsel zwischen Bildern von Räumen, Gängen, Geräten und verdichteten Gesprächssituationen entsteht eine pulsierende Spannung. Die Situationen der Übersetzung des Körpers in Sprache und Schrift faszinieren den studierten Mediziner Landorf besonders, von der Anamnese bei der Aufnahme bis zum einsamen Diktat der Arztbriefe. Mal beobachtet die Kamera den Sprecher genau, mal trennt der Schnitt die Rede vom Bild und produziert durch Tonbrücken eine Sensibilität für die ritualisierte Rhetorik zwischen Technokratie und Pathos – und manchmal auch Empathie. Gerade weil der fachsprachliche Inhalt des Gesagten für den Laien oft unverständlich ist, wird die Mikropolitik des Diskurses hörbar: der hierarchiedominierte Gesprächsstil der Morgenbesprechung, das Ringen um die zweite Person der Ansprache bei der Chefvisite, wenn in der dritten der Falldiagnostik gedacht wird, oder auch die habituelle Selbstfindung der Medizinstudenten auf der Suche nach dem Reflexpunkt.
AufnahmeIn seinem neueren Film „Besprechung“ behauptet Stefan Landorf eine Sinnfreiheit der Struktur. Der 2009 entstandene Film beginnt, wo „Aufnahme“ endete: an einem leeren Konferenztisch als Verdinglichung der Gesprächssituation und räumlicher Beleg ihrer Bedeutsamkeit. Doch hier präsentiert sich die Analyse von Geschäftsbesprechungen als kreative bis polemische Synthese und übersetzt die bunte Welt der Produkte und Positionen in eine Choreografie farbiger Stellwände, die wie Vorhänge zwischen den einzelnen Sequenzen hin und her geschoben werden. Der filmische Rhythmus ist diesmal fast tänzerisch. Er entsteht aus einem Wechsel von Standardsätzen, die in Besprechungssituationen fallen, von den Sprechern frontal in die Kamera wiederholt und dann nochmals von den jugendlichen Kulissenschiebern deklamiert werden. Die Sprache der „Kein-Thema“-Professionals zersetzt sich in der Zentrifuge von Landorfs Montage, bis die Floskeln oben schwimmen und die Unterschiede zwischen Pharmaindustrie, öffentlicher Verwaltung, NGO’s und Bundeswehr zugleich besonders klar werden – und unwesentlich erscheinen. Den Kontrapunkt bilden kurze Außentotalen, die trotz ihrer Ruhe wie ein Angriff der Wirklichkeit wirken auf diese Schutzräume einer ritualisierten Gesprächskultur mit ihrer transitorischen und kulissenhaften Architektur, selbst schwebende Elemente im Perpetuum mobile der Wiedervorlagen.

Text: Stella Donata Haag

Aufnahme, Deutschland 2001; Regie: Stefan Landorf; 89 Minuten; FSK k.A.

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Aufnahme“ im Kino in Berlin

Kinostart: 16. Juni

Besprechung, Deutschland 2008; Regie: Stefan Landorf; 82 Minuten; FSK k.A.

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Besprechung“ im Kino in Berlin

Kinostart: 9. Juni

Mehr über Cookies erfahren