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Auftakt der 68. Mostra

Filmfestspiele in Venedig

„Ein großes Loch wie dieses ist sehr sichtbar. Es sieht vielleicht größer aus als es ist. Wir können kein Wunder erwarten.“ Paolo Baratta, der Präsident der Biennale-Stiftung, die neben der Kunstbiennale nicht zuletzt auch das Filmfestival von Venedig unter ihrem organisatorischen Mantel trägt, hatte keine leichte Aufgabe am ersten Tag der 68. Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica. Das Loch vor dem alten Festivalpalast und dem Pressezentrum am Lido von Venedig ist tatsächlich sehr sichtbar, eine Bauruine in bester Lage, eine unfreiwillig entdeckte Sondermülldeponie voller Asbest, deren Sanierung 15 Millionen Euro kosten würde, die das Festival nicht hat.  
So wie es aussieht, wird das Loch noch lange sichtbar bleiben. Und wenn Baratta nun sagt: „Je mehr man in der Vergangenheit gräbt, desto mehr findet man sich selbst“, und es eigentlich kulturhistorisch auf die Geschichte des ältesten Filmfestivals der Welt bezogen wissen will, klingt die unfreiwillige Doppeldeutigkeit doch noch lange nach.
Auch Filmfestivalchef Marco Müller musste da lächeln, der da neben Baratta auf dem Podium saß. Er setzt darauf, dass auch solche Bedingungen den Venedig-Effekt nicht eliminierten können: „Der Rote Teppich gibt einem Film das richtige Image, das in 24 Stunden einmal um die Welt geht.“ Genau darauf setzt nun das Festival mit dem, was von seinem Modernisierungsprojekt geblieben ist: Besser aussehen in der alten Substanz. Das Projekt der Festivalmodernisierung ist jedenfalls „nicht mehr mit dem Neubau des Festivalpalast verknüpft“, wie Baratta sagt. Die Filmfestspiele setzt nun auf „Refubishing“, Erneuerung, Renovierung des Vorhandenen. Die alten Vorführsäle werden nach und nach erneuert. Begonnen hat man mit der Sala Grande, wo am Mittwoch Abend George Clooneys „The Ides of March“ den Wettbewerb eröffnete – vielleicht geht mit dem Festhalten an den alten Orten auch ein Gewinn an Aura einher, über den man eines Tages dankbar sein wird.
Wie man in unüberschaubaren Situationen immer wieder eine Lage herstellt, in der man selbst nur noch gewinnen (und der andere nur noch verlieren) kann ist auch ein Thema in Clooneys Film, versteckt hinter einem größeren: dem Ausverkauf der Ideale, der auf dem Weg ins Weiße Haus jeden Kandidaten erwartet. Das ein wenig an David Mamets Verschwörungsstoffe erinnernde Drama um einen allzu selbstsicheren Wahlkampfmanager (Ryan Gosling), der um eine bessere Position im Nominierungskampf für einen kommenden demokratischen Präsidentschaftskandidaten (Clooney) kämpft, ist ein kleines, dunkles Lehrstück in Realpolitik, das in Beziehung zu vergleichbaren Lektionen aus US-Fernsehserien wie „Westwing“ oder „The Wire“ steht. Nicht immer gelingt es dem Film, aus dem privaten Drama des immer zu schnell handelnden Wahlkampfmanagers zurück auf die allgemeine Ebene zu finden, und im Zweifelsfall macht Clooney auch lieber einen Witz für die Post-Clinton-Welt („You can cheat, go bancrupt, lie … but you can’t fuck the interns“), als das egomanische Spiel der Macht weiter zu sezieren.

Text: Robert Weixlbaumer

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