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Aufgeblasenes Monstrum: „Deutschland 09“

Deutschland 09Wenn Deutsche in trauter Runde über Deutschland nachdenken, kann es unfassbar deprimierend werden. Manchmal verströmen die­se Deutschlandrunden eine sol­­che Ödnis, dass man sich an der nächsten deutschen Eiche auf­hängen möchte. Manchmal ver­sinken sie einfach nur in tiefs­ter Blödsinnigkeit. Das kommt auf die Größe der Gruppe an, denn in diesem Fall gilt Heiner Müllers Merksatz: „Natürlich sind zehn Deutsche dümmer als fünf Deutsche.“ Bei der Gruppenarbeit „Deutschland 09“ waren gleich 13 Regisseurinnen und Regisseure am Werk – mit dem Ergebnis, dass die groß angelegte Kompi­lation entsprechend stupide und gleichzeitig fad ist.
Zugegeben, ein Österreicher und zwei gebürtige Schweizer waren auch beteiligt. Das zeigt nur, dass der Verblödungseffekt bei Deutschland-Gruppen nicht auf die Herkunft beschränkt ist, sondern dass das Thema (Deutschland! Die Deutschen! Deutsches Wesen!) selbst zurechnungsfähige, sensible, kluge Menschen in einen Zustand der Denkstarre versetzen kann. Hier waren ja nicht irgendwelche Dumpfbacken am Werk, sondern prominente Filmemacher mit Talent und Erfahrung. Doch bis auf eine Ausnahme herrscht zweieinhalb Stunden lang das Klischee vom grauen, hässli­chen, irgendwie echt schlim­men Deutschland.
Gleich beim ersten Beitrag geht es los. Angela Schanelec zeigt das Land in der tristen Morgendämmerung: ein nebelverhangener Fluss, trübe Straßen, Berlin im Regen, Kinder allein zu Haus. Ein freudloser Einstieg, der gleich da­rauf in Dani Levys Befindlichkeits­studie über die schlechte Laune und Miesepetrigkeit der Deutschen aufgegriffen wird. Dann ein anklä­gerisches Stück über einen Polit­skandal. Fatih Akin lässt von zwei Schauspielern ein Interview nachsprechen, das Murat Kurnaz der „Süddeutschen Zeitung“ gegeben hat. Auf der Pressekonferenz nach der Weltpremiere während der Berlinale erhob Akin den Vorwurf, dass die Medien daran arbeiten, den Fall des gefolterten Guantбnamo-Häftlings vergessen zu machen. Auch eine interessante Wahrnehmung, nachdem der Skandal monatelang die Schlag­zei­len beherrschte und zwei Un­tersuchungsausschüsse des Bun­des­tags beschäftigte. Hans Wein­gart­ner bearbeitet ebenfalls einen Skandal und baut die Abhöraffäre um den Sozialwissenschaftler Andrej Holm zu einer monströsen Verschwörungstheorie aus.
Deutschland 09Und so geht das immer weiter. Dominik Graf filmt alte Häuser und geißelt die neuen Glaspaläste, dazu raunt er: „Jede Diktatur verändert zuerst die Sprache und dann die Architektur.“ Ist es schon wieder so weit, klopft das Vierte Reich an die Tür? Wolfgang Becker sieht Deutschland als „Krankes Haus“, in dem die Pest des Reformstaus vergeblich bekämpft wird. Soll eine Satire sein, wirkt wie eine Rede von Guido Westerwelle aus den Mittneun­zigern. Am Ende dann Christoph Hochhäusler mit dem Rausschmei­ßer „Seance“ – eine einschläfernd elegische Meditation über deutsche Erinnerungen und Empfindungen. Kummer, ooh Kummer, nichts als Kummer.
Die Ausnahme in diesem ausufernden Klagealbum ist Romuald Karmakars Porträt eines iranischen Erotikbar-Besitzers aus Berlin, der über sein langjähriges Berufsleben plaudert und uns sein Etablissement erklärt. Karmakar entscheidet sich gegen den üblichen Blick, der nur folkloristische Tristesse und schwergewichtige, prätentiöse Bedeutsamkeit kennt. „Ramses“, so heißt sein Film, ist überraschend, unerwartet, schnörkellos und erhellend. So hätte man sich den Rest der Kompilation auch gewünscht.
Wenn man nett sein möchte, kann man diese Deutschland-Kom­pilation wie auch jede andere Kurzfilmsammlung durchwachsen finden, mit ein paar guten, ein paar schlechten Beiträgen. Aber „Deutschland 09“ ist erklärterma­ßen keine Kompilation wie jede andere. Das Gemeinschaftswerk will ein Statement zur Gegenwart sein und davon erzählen, in welchem Land wir heute leben. Doch die prominente Regieriege liefert nur eine abgeschmackte An­samm­lung von Deutschlandbildern. Eine trostlose, überraschungsfreie Veranstaltung, so trübsinnig wie das grau verregnete Berlin, die miesepetrigen Gesichter und die kranken Körper, die einen von der Leinwand her ankucken. Man hat sich auf den FC Barcelona gefreut, dann hat aber doch nur der BV Cloppenburg gespielt.

Text: Volker Gunske

tip-Bewertung: Ärgerlich

Deutschland 09 – 13 kurze Filme zur Lage der Nation, Deutschland 2009; Regie: Fatih Akin, Wolfgang Becker, Sylke Enders, Dominik Graf,
Christoph Hochhäusler, Romuald Karmakar, Nicolette Krebitz, Dani Levy, Angela Schanelec, Hans Steinbichler, Isabelle Stever, Tom Tykwer, Hans Weingartner; Farbe, 152 Minuten

Kinostart: 26. März 2009

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