Die Kunst und das Leben

„Augenblicke: Gesichter einer Reise“ im Kino

Die Welt als Projektionsfläche: In „Augenblicke: Gesichter einer Reise“ begeben sich die Regie-Ikone Agnès Varda und der Künstler JR auf eine Tour durch die französische Provinz

Agnès Varda, JR/ Ciné Tamaris/ Social Animals

Man sollte nicht versuchen, die ganze Welt zu verstehen, hat Agnès Varda einmal gesagt. Das würde sowieso nicht ­klappen. Stattdessen solle man besser bei seinen Nach­barn anfangen. Fasst man den Begriff der „Nachbarn“ etwas weiter, dann ist sich die Regisseurin in ihrem dokumentarischen Werk (sie hat ebenso viele Spielfilme gedreht) stets treu geblieben: Ihre Filme handeln von wirklichen Menschen und nicht von abstrak­ten Ideen. Vardas künstlerische Anfänge liegen in der Fotografie, und auch das hat in vielen ihrer Filme eine Rolle gespielt. Denn Fotografin zu sein, das hat ihrer eigenen Aussage nach weniger etwas mit der Technik zu tun als mit einem ganz bestimmten Blick.

Und dieser Blick ist nie herablassend, sondern immer auf Augenhöhe; den Leuten stets freundlich zugewandt, dabei aber nicht prinzipiell unkritisch. Man spürt Vardas echtes Interesse und eine grundsätzliche Sympathie für die Außenseiter, die Quer- und Dickköpfe sowie die starken Frauen der Gesellschaft. Sie selbst hat sich in ihrem Film „Die Sammler und die Sammlerin“ (2000) einmal als Sammlerin von Bildern und Erinnerungen beschrieben.

Insofern gibt es einiges, das die mittlerweile 90-jährige Filmemacherin mit dem populären 35-jährigen Fotografen und Streetart-­Künstler JR verbindet. Für seine langlebigste – und inzwischen rund um den Globus ­ausgeweitete – Kunstaktion „Inside Out“ lädt er Passanten von der Straße ein, sich in einem zum Fotoautomaten umgebauten Kleinlaster fotografieren zu lassen. Anschließend werden die großformatig ausgedruckten Schwarzweiß-Porträts an öffentlichen Orten plakatiert: Häuserwände, Fabriken, Eisenbahnwaggons. Die dahinterstehende Idee ist einfach: Man kommt mit Menschen ins Gespräch, die als Teilnehmer einer Kunstaktion ihrerseits zum Gesprächsthema anderer Leute werden. Und das umso intensiver, je weniger in der betreffenden Gegend sonst los ist.

Der von den beiden Künstlern gemeinsam inszenierte Film „Augenblicke: Gesichter einer Reise“ ist eine modifizierte Fortführung dieser Aktion: Varda, JR und sein Team reisen mit dem rollenden Fotomaten quer durch Frankreichs ländliche Gegenden und fotografieren Leute, die sie dort antreffen. Die dabei entstehenden überdimensionierten Poster sind ebenso sehr Denkanstöße wie vergängliche Erinnerungen.
Die hauswandgroße Café-Kellnerin bietet Einheimischen und Touristen in einer Kleinstadt Gesprächsstoff für einen Sommer. Das Foto der letzten Bewohnerin einer zum Abriss freigegebenen Bergarbeitersiedlung wird zur Hommage an eine aussterbende Kultur – und an die Hartnäckigkeit einer Frau, die ihr ­Zuhause nicht verlassen will. Auch die auf Frachtcontainer geklebten Ganzkörperporträts von den Frauen dreier Hafenarbeiter dokumentieren Vardas und JRs Interesse an starken Frauen, die – wie Varda betont – an der Seite ihrer Männer stehen und nicht etwa dahinter. Eine Foto-Aktion in einem verlassenen, nur noch aus Ruinen bestehenden Dorf nehmen die Bewohner umliegender Orte zum Anlass für ein fröhliches Fest, bei dem man sich näher kennenlernen kann.

Varda und JR haben ihren Film wie einen Dialog auf mehreren Ebenen inszeniert, denn der gemeinsame Off-Kommentar zur Reise beschreibt mit charmantem Witz auch das gegenseitige Kennenlernen. Und selbst bei gelegentlichen Frotzeleien spürt man die Freundschaft, den Respekt und den liebevollen Umgang der beiden miteinander. Dabei wird auch die eigene Vergänglichkeit zum Thema, denn Agnès Varda hat Probleme mit den Augen und kann mittlerweile auch nicht mehr gut laufen. JR fotografiert ihre Augen und ihre Füße und lässt sie als Poster auf den Waggons eines Güterzuges auf Reisen gehen.

Weit wichtiger als sich selbst nimmt Varda die Erinnerung an alte Freunde: Ein Foto von Guy Bourdin, der ihr in den 1950ern oft Modell stand und später zu einem berühmten Modefotografen wurde, schmückt kurzzeitig einen auf den Strand gestürzten Atlantikwall-Bunker – ehe die Flut das papierne Kunstwerk wieder hinweg wäscht. Nachhaltiger gestaltet sich die Hommage an Jean-Luc Godard, den letzten lebenden Freund und Kollegen aus den Tagen der Nouvelle Vague: In Anlehnung an den rekordverdächtig kurzen Louvre-Besuch seiner Protagonisten in „Die Außenseiter­bande“ (1964) rasen JR – der mit Hut und Sonnenbrille dem jungen Godard übrigens sehr ähnelt – und die im Rollstuhl sitzende Varda noch schneller und übermütiger durch die Säle der Gemäldesammlung.

Der angekündigte Besuch bei Godard ­zuhause fällt dann allerdings ins Wasser: Zwar hat der Regisseur eine Nachricht am Fenster hinterlassen, doch seine Tür bleibt verschlossen. Und man muss sagen: Mit sicherem ­Gespür wusste Godard, was gut für diesen Film ist. Ein womöglich rührseliges Wiedersehen wäre einfach zu viel gewesen, hätte vielleicht gewirkt wie ein Epitaph. So sieht man eine höchst lebendige Varda, die immer noch fest im Hier und Jetzt verwurzelt ist – und trotz ihrer fortgeschrittenen Lebensjahre im Kopf zu den Jüngsten zählt.

Augenblicke: Gesichter einer Reise F 2017, 89 Min., R: Agnès Varda und JR, Start: 31.5.

Mehr über Cookies erfahren