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„Aus dem Leben eines Schrottsammlers“ im Kino

Auf der Berlinale fanden sich zuletzt bemerkenswerte Filme, die sich mit den Lebensbedingungen der Roma in Europa beschäftigten, darunter „Nur der Wind“ von Bence Fliegauf und „Revision“ von Philip Scheffner. „Aus dem Leben eines Schrottsammlers“ ist ein weiteres, schmerzhaft authentisches Stück Lebensrealität der diskriminierten Volksgruppe. Der halbdokumentarische Film von Danis Tanovic erzählt den wahren Fall eines Roma-Paares in Bosnien-Herzegowina: Die schwangere Senada trägt einen toten Fötus in sich und benötigt eine lebensrettende Operation. Die Ärzte in der nächstgelegenen Stadt aber weisen sie und ihren Mann Nazif wiederholt ab, da für den Eingriff 500 Euro fällig sind, die das Paar nicht hat. Auf der Berlinale wurde der Film mit dem Preis für die beste männliche Schauspielerleistung honoriert. Das birgt eine gewisse Ironie, schließlich besteht das Berückende des kurzen, intensiven Dramas doch darin, dass keine Schauspieler agieren, sondern die Betroffenen selbst das Erlebte noch einmal in Anwesenheit der Kamera darstellen.
Ihr Familienleben spielt sich am Außenrand der bosnischen Gesellschaft in einer abgelegenen Roma-Siedlung ab. Während Senada wäscht, kocht und zwei kleine Töchter hütet, bringt Nazif das Nötigste zum Leben mit dem Einsammeln von Metallschrott zusammen. In sich ist diese prekäre Welt intakt, denn das Familienleben ist harmonisch, und unter den Nachbarn hilft man sich, wo man kann. Wenn die Kamera Nazif etwa beim Ausweiden alter Autowracks begleitet oder beim Not-Starten seines alten Opel Kadett im eisigen Winter, vermitteln die Bilder einen ruhigen Sinn für Normalität. Entsprechend unspektakulär bahnt sich existenzielles Drama den Weg in den Alltag, als es zu dem Notfall kommt – in einem Leben ohne Sicherheitsnetz. Durch Tanovics nüchtern-spröde Inszenierung entfalten die Weigerungen der Ärzte, die Frau zu retten, eine besondere Wucht. Fast biblische Abgründe tun sich auf, als zwischenzeitig auch noch der Opel endgültig kapituliert und die Elektriker den Strom kappen, während Nazif unermüdlich nach Auswegen sucht. Das Vertrauen, das Tanovic in seine Geschichte setzt, zahlt sich wirkungsvoll aus.

Text: Ulrike Rechel

Foto: drei-freunde

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Epizoda u zivotu beraca zeljeza“ im Kino in Berlin 

Epizoda u zivotu beraca zeljeza, ?Bosnien und Herzegowina/Frankreich/Slowenien 2013; Regie: Danis Tadovic; Darsteller: Nazif Mujic (Nazif), Senada Alimanovic (Senada), Semsa Mujic (Semsa); 78 Minuten; FSK 0

Kinostart: 10. Oktober

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