Geschichtsreflexion

„Austerlitz“ im Kino

Selfies vor dem Krematorium: Die Vergegenwärtigung von Geschichte: Sergei Loznitsas Dokumentarfilm „Austerlitz“ folgt Touristen durch die Gedenkstätten der nationalsozialistischen Konzentrationslager

Foto: Déjà Vu Film
Foto: Déjà Vu Film

„Arbeit macht frei“ steht an dem Tor, durch das die Massen strömen. Die Parole ist bekannt: Sie stand am Eingang zu den nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Nun steht sie am Eingang zu Gedenkstätten, die an nationalsozialistische Konzentrationslager erinnern. Und die Menschen, die durch dieses Tor gehen, müssen keine Gefahr fürchten. Sie sind aus freien Stücken da, sie besuchen Orte, an denen einst Menschen zu Tode geschunden wurden. Der Filmemacher Sergei Loznitsa hat über diese Vergegenwärtigung von Geschichte einen Dokumentarfilm gemacht: „Austerlitz“, eineinhalb Stunden in Schwarzweiß, überwiegend wortlos, es sei denn, dass sich gelegentlich Material aus einem Audioguide oder der Vortrag eines Reiseführers vernehmen lässt, aber auch das sind eher nur Fragmente. Loznitsa, der aus der Ukraine stammt, in Russland Film studiert hat und seit vielen Jahren in Berlin lebt, hat auf diese Weise schon früher gearbeitet, zum Beispiel in „Landscape“, in dem er sich in einem entlegenen russischen Dorf an einer Bushaltestelle unter die Leute mischte und deren Gespräche während der Wartezeit einfing.

In „Austerlitz“ beruht Loznitsas dokumentarische Arbeit auf dem eigentümlichen Effekt, dass er als Beobachter gar nicht vorhanden zu sein scheint, und doch sehr nahe an den Menschen dran ist. Gedreht wurde in Sachsenhausen oder in Dachau, das Wetter ist sommerlich, die Leute tragen die bequeme Kleidung, die sie auch im Kolosseum in Rom oder in einem Biergarten in München tragen würden. Ein Mann hat ein T-Shirt an, auf dem Jurassic Park steht – eine bedrückende Ironie, die ihm natürlich nicht bewusst ist, und die Loznitsa auch nicht sucht, denn er hebt dieses Bild nicht hervor. Es ergibt sich, die Kamera fängt einfach ein, was sich vor ihrem „Auge“ zeigt, sobald dieses einmal geöffnet ist. Die fotografische Qualität von „Austerlitz“ ist dabei enorm, manchmal wirkt es schon fast zu brillant komponiert, wie Loznitsa die Kamera positioniert. Aber das, was sich dann im Bild ereignet, ist wiederum reiner Zufall.

Man hat zwei Möglichkeiten, wie man sich diesen Film ansehen kann: Man kann wirklich genau hinschauen, und wird dabei viele aufschlussreiche Momente entdecken; man kann aber auch eher meditativ zuschauen, dann geht es vielleicht eher um ein Gefühl für die Erfahrung von Geschichte, die sich hier manifestiert. Die Besucher in den Gedenkstätten zeigen mit ihrer Konzentration, aber auch mit ihren touristischen Ritualen (ein Mann nimmt beiläufig die Pose eines Hinrichtungsopfers ein, Selfies werden vor Krematorien geschossen), dass sie zu dem Teil der Menschheit gehören, für die zumindest im Moment keine Gefahr besteht. Das totalitäre 20. Jahrhundert hat neben vielen anderen Dingen eben auch diese globale Klasse hervorgebracht, die in bequemen Schuhen und mit unterschiedlicher Fotoausrüstung die Orte (auch die schrecklichen) dieser Welt abklappert.

Sergei Loznitsa lässt nicht erkennen, was er von den Touristen hält. Darum kann es auch gar nicht gehen. Am ehesten lässt sich mit „Austerlitz“ eine melancholische Reflexion über das Ziel der Geschichte anstellen: das hehre „Niemals vergessen“ der offiziellen Vergangenheitsbewältigung ist eine Forderung, der man im Schlabberlook ein bisschen leichter entsprechen kann.

Austerlitz D 2016, 94 Min., R: Sergei Loznitsa, Start: 15.12.

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