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„Bad Boy Kummer“ im Kino

Bad Boy Kummer

„Don’t Believe What You Read“ verkündete Bob Geldof mit seiner Punk-Truppe The Boomtown Rats einst. Und der Mann war, bevor er Musiker und später dann notorischer Weltverbesserer wurde, Journalist. Er wusste, wovon er sang.
Das war 1978, lange bevor Tom Kummer seine journalistische Karriere startete, die in den 1990er-Jahren ihren Höhepunkt erreichte, ehe sie 1999 abrupt endete. Denn wie der Focus-Journalist Holger Hoetzel recherchierte, hatte Kummer über mehrere Jahre hinweg seine Interviews mit Hollywoodstars und anderen prominenten Zeitgenossen sowie diverse Reportagen schlicht gefälscht. Die intellektuellen Einsichten von Leuten wie Pamela Anderson, Sean Penn und Mike Tyson sowie die intimen Einblicke in deren Seelenleben waren weitgehend der Fantasie Kummers entsprungen. Im Grunde hatte er immer nur über sich selbst geschrieben.
Bad Boy KummerDoch war radikale Subjektivität nicht genau das, was eine bestimmte Strömung des Journalismus in den 1990er-Jahren eingefordert hatte? War nicht genau das gemeint gewesen, als Ulf Poschardt, seinerzeit Chefredakteur des SZ-Magazins, für das Kummer überwiegend tätig war, den Begriff des Borderline-Journalismus prägte? Hatten es eigentlich alle gewusst, aber niemand etwas gesagt? Eher unwahrscheinlich, doch Tom Kummer sieht es genau so. Bis heute ist er sich keiner Schuld bewusst, wähnt sich selbst als Opfer.
„So blöd kann doch niemand sein“, sagt aber letztlich nicht nur er in der Dokumentation „Bad Boy Kummer“ von Miklуs Gimes, der einst als stellvertretender Chefredakteur des Zürcher Tagesanzeiger-Magazins ebenfalls zu den Abnehmern von Kummers Fantasie-Produkten gehört hatte. Doch damals befanden sich eben alle in einer Win-Win-Situation, da war das Nachrecherchieren wohl einfach nicht so wichtig: Denn während Kummer an seinem Ruf als brillanter Journalist feilte, galt das SZ-Magazin als tolles Lifestyle-Produkt und die PR-Agenten der Prominenten hatten gute Werbung. Nicht zuletzt: Die Leser lasen gute Texte. Im Grunde sitzen beim „Fall“ Kummer also alle in einem Boot und die entscheidende Frage lautet: Was erwarten wir eigentlich vom Journalismus, wie authentisch muss er sein? Oder ist das nur eine Interpretationsfrage?
Im Film beschreibt Tom Kummer treffend ein sogenanntes Junket mit den Stars: Zehn Minuten hätte man sich da mit acht anderen Journalisten teilen müssen, sei durchgeschleust worden durch die Hotelzimmer wie ein Schaf. „Das hält man nur aus, wenn man selbst ein Schaf ist“, sagt Kummer. Also habe er „die Hülle Pamela Andersons“ genommen und sie nach eigenem Gutdünken „mit Inhalten gefüllt wie ein Regisseur.“ Schon hatte er einen deutlich interessanteren Text, doch darf man das? Nein, natürlich nicht, meinen unisono die Journalistenkollegen, mit denen Regisseur Gimes Kummer im Film direkt konfrontiert, über dessen kreativen Umgang mit der Wahrheit. Ulf Poschardt und Christian Kämmerling, seinerzeit als verantworliche Redakteure beim SZ-Magazin geschasst, wollten sich zwar lieber nicht äußern, aber auch Markus Peichl, als Ex-Chefredakteur von Tempo durchaus ein Befürworter eher subjektiven Journalismus, und die Spiegel-Journalisten Alexander Osang und Urs Jenny finden im Film durchaus richtige und starke Worte. Doch Kummer ist nicht „zu knacken“, wie Gimes seine Hoffnungen zu Beginn der Dreharbeiten selbst formuliert.
Bad Boy KummerDafür beginnt man ihn durch Gimes’ intelligentes und von seinem Protagonisten durchaus fasziniertes Porträt, das die eigene Faszination wiederum zum Thema macht, besser zu verstehen. Hier ist einer, der seit jeher die Inszenierung von Wirklichkeit betrieben und Legenden gesponnen hat: vor den Jugendfreunden in Bern ebenso wie in den unzähligen Heimvideos, die man im Film zu sehen bekommt. Dass Kummer in Hollywood dann den Boden unter den Füßen verloren hat, erscheint da nur konsequent.
Heute arbeitet Tom Kummer als Coach für Kleinfeldtennis in Los Angeles, kümmert sich um die Fitness der Reichen und Schönen. „Schwitzen und Lächeln sei da wichtig“, sagt er und: Auch das sei eine Traumwelt.

Text: Lars Penning

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Bad Bay Kummer“ im Kino in Berlin

Bad Boy Kummer, Schweiz/Deutschland 2010; Regie: Miklуs Gimes; 92 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 5. Mai

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