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Berlinale 2017

„Bambui haebun-eoseo honja“ („On the Beach at Night Alone“) von Hong Sang-soo

In den Filmen des koreanischen Regisseurs Hong Sang-soo geht es in gänzlich unspektakulärer Weise immer ums Ganze. Wie soll man leben? Wie soll man lieben?

Kim Jinyoung © 2017 Jeonwonsa Film Co.

Wie kann man das alles überhaupt bewerkstelligen, fragen sich seine Protagonisten und haben keine Antwort. Männer und Frauen umkreisen einander und können nicht recht zusammenfinden: Die Männer sind schwach, bequem und immer etwas selbstmitleidig, die Frauen, die in Hongs Filmen seit einigen Jahren im Mittelpunkt stehen, träten gern selbstbewusst auf und sähen sich auch gern von anderen in ihrer Selbstbestimmtheit gewürdigt. Doch dafür müssten sie sich gelegentlich für oder gegen etwas entscheiden. Was sie nicht können.

„Soll ich…?“, lautet die am häufigsten gestellte Frage in einem Hong-Film: Soll ich nach Korea zurückkehren? Soll ich in Gangneung leben? Soll ich einen alten Freund anrufen? Soll ich noch etwas essen? Soll ich einen Kaffee trinken? Indem der Regisseur die großen philosophischen Fragen des Lebens auf den banalen Alltag herunterbricht, erlangen seine Filme immer auch einen nicht auf den ersten Blick erkennbaren leisen Humor, der einem als Zuschauer eher ein verschmitztes Grinsen als ein lautes Lachen abnötigt. Irgendwann betrinken sich Hongs Protagonisten dann unausweichlich; in asiatischen Ländern die einzige Möglichkeit, sich daneben zu benehmen oder unangenehme Wahrheiten auszusprechen, ohne das Gesicht zu verlieren. Dann werden die Stimmen lauter und die Thesen steiler, und es ergeben sich ungeahnte Perspektiven, die man – plötzlich wieder nüchtern – dann doch lieber nicht wahrnimmt.

In „Bambui haebun-eoseo honja” (On the Beach at Night Alone) hat die junge Schauspielerin Young-hee (Kim Min-hee) gerade ihre Affäre mit einem älteren, verheirateten Regisseur beendet und sucht Abstand bei einem Aufenthalt in Hamburg, wo sie mit einer Freundin durch einen winterlichen Park spaziert und ihre Beziehungsprobleme reflektiert. In dieser Hinsicht ist also alles wie immer – und natürlich gänzlich unbestimmt: Denn vielleicht ist die Affäre auch nicht beendet, vielleicht kommt der Mann sie ja doch besuchen. Später, zurück in Korea, trifft Young-hee in der Hafenstadt Gangneung alte Freunde, man isst, trinkt und diskutiert, und irgendwann begegnet sie auch wieder dem Regisseur und seiner Crew. Vielleicht aber ist das auch nur ein Traum Young-hees, allein am kalten Strand.

In Hongs einfachen, aber doppelbödigen Geschichten ist das sowieso egal: Traum und Realität entsprechen sich, sie erzählen von einem Leben voller Optionen, die niemand wahrnimmt, weil es einfach viel zu viele davon gibt. Das Leben verlangt nach Entscheidungen, die in einem Hong-Film keiner trifft. Die Figuren treiben dahin in ihren Tagträumen und Wunschvorstellungen, ratlos und sympathisch.

Bambui haebun-eoseo honja ROK 2017, 101 Min., R: Hong Sang-soo, D: Kim Min-hee, Seo Young-hwa, Jeong Jae-yeong

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