Kino & Stream

„Bande de filles“ im Kino

Bande des filles

„Bande de filles“ verschlägt es in ein Milieu, das es nicht oft zu sehen gibt: die Pariser Banlieues aus dem Blickwinkel junger schwarzer Frauen, organisiert in Banden. Wie sich diese gegen andere Banden behaupten, aber auch gegen patriarchale Strukturen innerhalb der eigenen Familien und im Grunde der gesamten erlebten Umwelt, davon handelt „Bande de filles“.
Zudem ist Cйline Sciammas dritter Langfilm (nach „Water Lilies“ und „Tomboy“) eine Studie über die Metamorphosen von Marieme (Karidja Tourй), die später zu Vic wird, was für „Victory“ steht. Aber die Kette, an der dieser kurze Schriftzug hängt, verschenkt von Bandenchefin Lady (Assa Sylla), wird von Marieme auch nicht ewig getragen – eine neuerliche Metamorphose kündigt sich an. Sie alle stehen im Zeichen einer (weiblichen) Identitätsfindung. Das war Sciammas Thema in den beiden vorangegangen Filmen. In „Bande de filles“ setzt die französische Regisseurin, geboren 1979, diese eingeschlagene Kinoarbeit fort.
Bande des filles„Bande de filles“ ist ein Film, der an (Ver-)Wandlungen interessiert ist. Und Cйline Sciamma hat ein Talent dafür, jene Wandlungen in Bilder zu übersetzen, die sehr groß sind und sehr cinephil, so sehr, dass es manchmal schon fast zu viel ist. Aber eben nur fast. Das liegt vor allem an der Musik. Es ist ein bisschen dieser Xavier-Dolan-Effekt: Wenn Bild und Ton zu einem hyperemotionalen Ganzen synchronisiert werden, dem man sich schwer entziehen kann (wie Corey Harts „Sunglasses at Night“ in „Tom а la ferme“). Natürlich sind derlei Situationen in eine Narration eingeflochten – und trotzdem setzen sie sich wie magisch von ihr ab, schweben ein paar Etagen höher.
Auf einer solchen Wolke eröffnet „Bande de filles“: mit einem Football-Match zwischen zwei Frauenteams. Und anstatt das Aufeinanderkrachen von Gesichtsgittern hörbar zu machen, ist da „Dark Allies“ von Light Asylum. „She‘s my heroin(e)“ singt Shannon Funchess und Cйline Sciamma zeigt die Szene in Zeitlupe. Der Bruch nach diesem Einstand ist dafür umso härter, wenn sich Sciamma (und mit ihr die Mädchen) danach wieder in der Realität einfinden und die Sportlerinnen nach dem Training auf dem Nachhauseweg in ihre Hochhäuser gezeigt werden, wobei sie von Typen auf der Straße angeraunt werden.
Bande des fillesMarieme ist eine der Sportlerinnen. Als sie vor ihrem Block ankommt, wartet dort bereits ein junger Mann. Ein verhaltenes Geplänkel setzt ein, etwas Zärtliches ist zwischen ihnen, doch nicht nur das, sondern auch ein riesiger Blumenkübel aus Beton, den Sciamma im Hintergrund zwischen sie gestellt hat. Denn alle Zärtlichkeit ist quasi umsonst, weil der junge Mann nicht auf Marieme wartet, sondern auf deren Bruder – und der sieht eine Liebe zwischen seiner Schwester und einem seiner Freunde nicht gern. Im Laufe von „Bande de filles“ stellt sich Marieme dennoch gegen das Regime ihres Bruders (der sie schon mal in den Schwitzkasten nimmt, ihr eine Ohrfeige verpasst), nur um feststellen zu müssen, dass hinter dieser Herrschaft eine weitere lauert und hinter dieser noch eine. In „Bande de filles“ gibt es überall Grenzen, einige sichtbar, andere unsichtbar, gegen die man schmerzlich stößt, wenn man ihre Präsenz leugnet, und denen man am besten aus dem Weg geht, was allerdings nur möglich ist, wenn man sich gänzlich anpasst. Für eine junge Frau bedeutet das etwa, „anständig“ zu sein, ein Attribut, hinter dem sich ein ganzer (regressiver) Verhaltenskodex verbirgt.
Eine Welt in dieser Welt, in der sich zumindest einige Grenzen übertreten lassen, ist die Bande. Lady und ihre Freundinnen Adiatou (Lindsay Karamoh) und Fily (Marietou Tourй) verkörpern eine Selbstbestimmtheit, die für Marieme, nun Vic, zu einem Schutzraum wird. Im Mädchenverbund gibt es zwar auch Kämpfe (vor allem gegen andere Frauen), aber im Zusammensein wirken schmerzlich erfahrene Gesetzmäßigkeiten weniger erdrückend. Als Mariemes Bruder sie während eines Ausflugs in ein Hotelzimmer (die Bande macht sich dort einen netten Abend mit Wasserpfeife und Fast Food) via Handy zu erreichen versucht, flüchtet Marieme ins Bad, unentschlossen, wie sie sich verhalten soll. Hier nimmt Lady gerade ein Schaumbad und fordert Marieme dazu auf, das Handy auszustellen. „Genieß das hier“, sagt sie. Dann tanzen die vier zu Rihannas „Diamonds“. Und die Diebstahlsicherung an den neuen Kleidern ist fast nicht zu sehen.

Text: Carolin Weidner

Fotos: Peripher Filmverleih

Orte und Zeiten: „Bande de filles“ im Kino in Berlin

Bande de ?filles, Frankreich 2014; Regie: Cйline ?Sciamma; Darsteller: Karidja Tourй (Marieme/Vic), Assa Sylla (Lady), ?Lindsay Karamoh ?(Adiatou); 112 Min.

Kinostart: Do, 26. Februar 2015

Mehr über Cookies erfahren