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"Bauernopfer" im Kino

"Bauernopfer" im Kino

Kennt jemand den aktuellen Schachweltmeister? Magnus Carlsen heißt der Mann, keine Schande, ihn nicht zu kennen. Zumal der Denksport Schach in den Medien nicht sonderlich präsent ist.
Doch es gab eine Zeit, in der das anders war. Die Schach-WM von 1972 zwischen dem russischen Titelverteidiger Boris ­Spass­ki und dem Amerikaner Bobby Fischer im isländischen Reykjavik löste einen heute kaum mehr vorstellbaren Medienhype aus. ­Kameras übertrugen die Partien in alle Welt, denn in den Zeiten des Kalten Kriegs besaß Sport auch eine politische Dimension: Ost und West wollten einander mit den Erfolgen ihrer Sportler die Überlegenheit des jeweiligen Gesellschaftssystems beweisen. Und langweilig, nein, langweilig konnte man ­Fischer und Spasski garantiert nicht nennen.
Vor allem der schillernden Persönlichkeit Fischers nimmt sich nun Edward Zwick in "Bauernopfer" an, mit der WM als dramatischem Höhepunkt einer irrlichternden Karriere. Damals sorgte Fischer mit immer neuen Forderungen (mehr Geld, keine Kameras, ein anderer Turniersaal) für Aufsehen, was man für die Launen eines exzentrischen Genies hielt. Heute weiß man, dass der Mann – um es einmal salopp auszudrücken – auch einen kapitalen Dachschaden hatte. Ein jüdischer Antisemit, ein antiamerikanischer Antikommunist, gefangen in einer paranoiden Welt voller Verschwörungstheorien.
Der Film versucht sich an einem Psychogramm des von Tobey Maguire überzeugend verkörperten Fischer, verortet den Ursprung seiner Paranoia im unsteten Leben seiner ­Jugend mit einer kommunistisch orientierten Mutter und der möglichen Überwachung der Familie durch das FBI. Ob es so einfach war? Fischers Ruppigkeit sowie seine abstrusen Ansichten lassen ihn nicht sonderlich sympathisch erscheinen, doch geschickt nutzt "Bauernopfer" sein Image als Rebell und Underdog, um ihn dem Zuschauer trotzdem näher zu bringen. Dabei kommt es zu absurden Szenen, wenn etwa die Russen bei einem Turnier in Kalifornien mit dem wie ein cooler Popstar inszenierten Spasski (Liev Schreiber) im teuersten Nobelhotel residieren, während Fischer vorerst mit einer Absteige vorlieb nehmen muss.
Fischers Kampf um mehr Preisgeld und die angedeutete Verwicklung seines Managers mit US-Geheimdiensten haben Unterhaltungswert, ebenso wie der Nervenkrieg mit den Russen. Auch Spasski, den der Film als selbstbewussten, aber nicht überheb­lichen Sportler mit einem gewissen Respekt vor dem Kontrahenten zeichnet, lässt sich beim WM-Duell mit der Zeit in den Irrsinn um vermeintlich zu laute Kameras und verhext scheinende Stühle hineinziehen.
Dabei besaß das WM-Turnier auch in der Realität eine wie fürs Kino geschaffene spannende Dramaturgie: Fischer verlor das erste Match, trat zum zweiten gar nicht erst an und lag bereits mit 0:2 Punkten zurück, ehe er zur Aufholjagd ansetzte. Doch eines schafft der Film nicht: das Schachspiel selbst, das so viele Emotionen auslöst, irgendwie auch nur ansatzweise zu vermitteln. Fischers unorthodoxes Spiel spiegelt sich letztlich nur in den Gesichtern von erstaunten Großmeistern ­wider – und im (historisch verbürgten) Beifall des fairen Sportlers Spasski, als Fischer ihn in der sechsten Partie vernichtend schlägt. So bleiben die Schönheit des Spiels und die ­Genialität Fischers letztlich eine (von Experten bestätigte) Behauptung.

Text: Lars Penning

Foto: Studiocanal

Orte und Zeiten: Bauernopfer

Pawn Sacrifice (OT) USA 2014, 115 Min., R: Edward Zwick, D: Tobey Maguire, Liev Schreiber, Peter Saarsgard

?Kinostart: Do, 28. April 2016

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