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Baz Luhrmann über „Der große Gatsby“

Baz Lhurmann

Wenige Wochen, bevor er mit dem Cannes-Eröffnungsfilm „The Great Gatsby“ an den Ort zurückkehrt, der mit „Strictly Ballroom“ vor zwanzig Jahren seine Entdeckung als internationales Regietalent begründete, versagt Baz Luhrmann die Stimme. Heiser und hustend von einer „Air-Condition-Erkältung“ ist er gerade aus Los Angeles kommend in Sydney gelandet, doch an Schlaf ist nicht zu denken in den finalen Tagen des Feintunings am jüngsten Magnum Opus. Denn was auch sonst: Es ist bei „The Great Gatsby“ mal wieder alles teurer, komplizierter und ambitionierter geworden als anfangs absehbar. „Ich denke nach jedem Projekt“, seufzt Luhrmann, „dass ich als nächstes eine Geschichte für drei Schauspieler in einem Raum finden muss. Aber am Ende sind es immer die Risiken und überlebensgroßen Ideen, die sich durchsetzen und mich für Jahre befeuern. Ich hatte keine Ahnung, was ich nach ‚Australia‘ machen sollte, bin inzwischen Vater und wollte eigentlich meine Ruhe. Dann las ich Fitzgeralds Roman – und seither beschäftigt mich die Geschichte täglich, bis sie mir den Film aus den Händen reißen. Warner war geduldig. Jetzt aber heißt es allmählich: Zeig uns, wofür wir bezahlt haben, Freundchen.“
Baz LuhrmannEinen exklusiven Eindruck der 100-Millionen-Dollar-Arbeit gibt es einige Tage später in Las Vegas in einem Saal voller Kinobesitzer, als bei der CinemaCon die Filmstudios ihre globalen Produktionspaletten präsentieren. Gezeigt wird ein rauschhafter Teaser aus 3D-Bildern, die Scott F. Fitzgeralds Drama emotionaler Leere inmitten dekadenter Luxuswelten wohl recht werkgetreu folgen, während Hiphop-Score und Luhrmanns Verführungskraft als Regisseur den Stoff in die Moderne holen sollen. Eine furiose Explosion des Glamour und hoffnungsloser (Kino-)Romantik – doch bevor die Clips von „The Great Gatsby“ an der Reihe sind, erscheint Baz Luhrmann auf überdimensionaler Leinwand. Silberhaarig und im Tom-Ford-Anzug, ein formvollendet eleganter Dandy von unterdessen auch schon fünfzig Jahren, der Werbung für sein Werk macht wie ein Zirkusdirektor, ganz Showman der alten Schule. Seine Schauspieler seien „auf der Spitze ihrer Schaffenskraft“ gewesen, schwärmt er, und die musikalische Begleitung durch Jay-Z sei zum „wahr gewordenen Traum“ geraten. Luhrmann pitcht seinen Film ähnlich hemmungslos wie zuvor im tip-Interview. Ansteckend die Sorglosigkeit, mit der er Popkultur-Elemente jongliert – und man kann sich gut vorstellen, wie Luhrmann noch 2011 in einer zweistündigen Rede mit seiner Vision überzeugte, als das Projekt bei Sony nicht finanziert wurde und er Warner trotz der „Australia“-Enttäuschung zuvor als Investoren überzeugen musste.
Relevant ist das alles, weil Baz Luhrmann trotz Beats und Superstars und 3D-Bilderstürmen ein Autorenfilmer ist, der seine Persönlichkeit restlos kreativ verfeuert, wenn er arbeitet. „Von Gatsby wusste ich lange Zeit nur etwas durch den Film mit Redford“, sagt Luhrmann, der im australischen Nirgendwo aufwuchs und als Kind die Leinwand als Fluchtpunkt fand, weil sein Vater eine Tankstelle und ein Kino betrieb. „Doch irgendwann nach ‚Australia‘ legte ich bei einer Reise mit dem Transsibirien-Express das Hörbuch von ‚Der große Gatsby‘ ein. Allein in meinem Abteil und mit zwei Flaschen Wein begann mich diese Figur zu faszinieren – ehrlich gesagt könnte ich bis jetzt nicht entscheiden, wer Gatsby wirklich ist.“
Der große GatsbyInterpretationsversuche führen vorerst ins Vage – überzeugt ist Luhrmann nur davon, dass seine Adaption „einige Kontroversen“ hervorrufen werde, schließlich habe er sich da stilistische Raffinessen einfallen lassen … aber nein, es bleibt bei Andeutungen. Der Mann, der mit Bazmark Inc. ein kleines Imperium um seine Künste als Traumverkäufer gebaut hat, weiß um den Reiz des Insinuierens. Dass viel auf dem Spiel steht und er einen Höllenritt hinter sich hat, bestreitet Luhrmann bei aller Jovialität indes nicht. Ein bitter geplatztes „Alexander der Große“-Projekt nach „Moulin Rouge“ und die Ablehnung der Kritik von „Australia“ – das habe ihn „absolut in depressive Phasen geführt“, aber letztlich nicht im Ehrgeiz gestoppt, persönlichen Passionen zu folgen.
Der Dreh von „The Great Gatsby“ wurde dann durch Australiens drittschlimmste Regenfälle der Geschichte torpediert oder einen umstürzenden Kamerakran, der Luhrmann eine klaffende Kopfverletzung einbrachte. Doch man wird den Eindruck nicht los bei diesem Filmemacher, dass ihn massive Probleme und unmögliche Ziele erst so richtig wach machen, und er erst unter Druck sein Potenzial erreicht. „The Great Gatsby“ soll sich so verzögert haben, dass Luhrmann sein eigenes Geld in die Postproduktion gesteckt hat, um nicht auf teure Drehtage verzichten zu müssen. Zeitungsmeldungen, die er nicht bestätigen oder dementieren mag. Eine neue Erfahrung wäre es jedenfalls nicht, wenn sein Appetit größer wurde als seine Möglichkeiten. Schon „Australia“ geriet beim Budget außer Kontrolle.
Doch im Grunde kann man nur beruhigt sein ob des Gratwanderns zwischen künstlerischem Hunger und fiskalischer Unvernunft, ein Luhrmann an der Leine wäre eine ungleich langweiligere Vorstellung. „Oh, keiner schmeißt eine Party wie Baz Luhrmann“, sagt sein Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio – und meint damit auch das erhoffte Fest auf der Leinwand.

Text: Roland Huschke

Fotos Baz Luhrmann: Hugh Stewart / 2012 Bazmark Film III Pty Limited / Warner Bros.

Szenenfoto „Der große Gatsby“: 2013 Bazmark Film III Pty Limited / Courtesy of Warner Bros.

Der große Gatsby (The Great Gatsby), Australien 2013; Regie: Baz Luhrmann; Darsteller: Leonardo DiCaprio (Jay Gatsby), Tobey Maguire (Nick Carraway), Carey Mulligan (Daisy Buchanan); 142 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 16. Mai 2013

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