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„Beeswax“ von Andrew Bujalski im Kino

Sie sind unwillig, sich in ein Arbeitsleben ohne große Zu­kunfts­aussichten einzugliedern, und unfähig, aus dieser Verweigerung noch eine rebellische Haltung abzuleiten. Die Helden der „Mumblecore“-Filme, einem in den Nullerjahren geprägten Begriff für eine Reihe junger US-Filmemacher, haben sich in einem permanenten Über­gangs­zustand eingerichtet. Dem ausgezehrten Körper des US-Independentfilms führt diese lose verbundene Gruppe von Regisseuren neue Lebendigkeit zu: Gemeinsam sind ihnen der Do-it-yourself-Habitus, ultraniedrige Budgets und vor allem ein Interesse für das Lebensgefühl einer Generation, die sich als eine Art unfreiwillige Boheme versteht.
„Funny Ha Ha“, Andrew Bujalskis Debüt von 2002, gilt als Initialfilm der Bewegung, die auch deshalb so heißt, weil die Figuren darin eher grummeln und murmeln, anstatt sich klar und verständlich auszu­drücken. Die US-Filmkritikerin Amy Taubin nannte Bujalski einen „Poeten der Einwände, der Verzögerung und Unverbindlichkeit“ – ein schönes Etikett, das für die Twentysomethings in „Mutual Appreciation“ (2005) besonders zutrifft: Ein junger Musiker kommt in dem Schwarz-Weiß-Film nach New York, um ein paar Songs aufzunehmen, verzettelt sich dann aber in einer vagen Dreierbeziehung. „Als ich ‚Funny Ha Ha‘ drehte“, erzählt der bald 33-jährige Bujalski im Interview, „gefiel mir die Vorstellung, dass wir unsere eigene Version eines französischen Films machten. ‚Mutual Appreciation‘ war italienischer – niemand macht so lange Party­szenen wie die Italiener. Aus irgendeinem Grund dachte ich, mein neuer Film ‚Beeswax‘ würde … kanadisch … sein, was natürlich einem kommerziellen Fluch gleichkam.“
Obwohl Bujalskis Filme gerne mit europäischem Konver­sationskino verglichen werden, sind sie mindestens so amerikanisch wie etwa die Filme von Richard Linklater: Der Sensibilität dieser Generation von Post-Slackern, deren Idiomen, Rhyth­men und gedanklichen Ausflüchten, kommt momentan kaum jemand so nahe wie er. Sein aktueller Film „Beeswax“ – der Titel verdankt sich der Redensart „It’s none of your beeswax“: „Das geht dich nichts an“ – erzählt von familiären Verbindungen, beruflichen Herausforderungen und romantischen Irritationen. Es geht um die beiden Zwillingsschwestern Jeannie und Lauren (gespielt von Tilly und Maggie Hatcher) aus Austin, Texas, der Hauptstadt von Mumblecore. Jeannie sitzt im Rollstuhl und führt mit Hingabe eine kunterbunte Secondhand-Boutique; dass sie mit ihrer ehemaligen Partnerin im Streit liegt, raubt ihr die Ruhe. Lauren ist das Gegenteil ihrer Schwester – impulsiv, unbekümmert und ver­gesslich: Ihr erster Schritt im Film ist, sich nach dem Aufwachen von ihrem Freund zu trennen.

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