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Bei den Dreharbeiten zu „Marvel\s The Avengers“

Marvel's The Avengers

Vielleicht wird das Drehbuch am Set vor Spionen so radikal geschützt, weil Whedon tatsächlich eine Formel zur Goldgewinnung in den Minen der Comic-Kultur gefunden hat. Vielleicht aber besitzt die Geheimniskrämerei auch Methode, denn die Marvel Studios wussten seit „Iron Man“ noch jeden Neustart als Event zu lancieren, ohne wirklich raffinierte Plots in der Hinterhand zu haben.
Doch wo andere Hollywoodstudios mit Beginn der Sommersaison alles, was an Schauwerten nicht festgenagelt werden kann, auf die Leinwand werfen, wirkt das Vertrauen der „Avengers“-Macher in ihr Personal fast altmodisch. Keinen Gedanken scheint hier jemand an die praktischen Probleme einer Blockbuster-Produktion zu vergeuden, an enge Zeitpläne, Millionenkulissen und Erfolgsdruck. Viel wichtiger ist, welche Spitznamen der Playboy Tony Stark dem Donnergott Thor an den Helm wirft.
„Offensichtlich habe ich nie einen Film in dieser Liga gedreht“, meint Whedon, „und stelle mich den logistischen Schwierigkeiten, indem ich sie ignoriere. Die große Bühne ist schließlich vorgegeben, wenn sich erst mal die Trucks in Bewegung setzen. Doch im Kleinen kannst du das Ensemble bis zur letzten Klappe zu Kreativität anfeuern. Anders erwacht ein Film nicht zum Leben, sondern bleibt künstliches Konstrukt.“
Marvel's The AvengersEbenso wenig wie Kenneth Branagh oder die anderen unkonventionell gewählten Marvel-Regisseure vor ihm lässt sich Whedon in seiner Zielsetzung beirren, Krieger in Strumpfhosen so ernst zu nehmen wie eine Herzattacke. Jeder hier witzelt über Comic-Obsessionen aus der Kindheit, kennt die Evolution der Figuren über Jahrzehnte und „schläft in Marvel-Bettwäsche“ (Produzent Feige). Doch bei allem Spaß am Spielen haben die großen Jungs besser als die Konkurrenz verstanden, eingestaubten Marken modernen Glanz zu verpassen.
Schimmerte „Captain America“ zuletzt noch im Weichzeichner der Nostalgie und war „Thor“ eine Brücke ins Science-Fiction-Genre, will „The Avengers“ urbaner, kühler, maskuliner werden. „Michael Mann’s ‚Heat'“, kommt wie mit der Pistole die Antwort auf die Frage nach visuellen Vorbildern geschossen. Und wer seinen bisher einzigen Kinofilm gesehen hat, der weiß um Joss Whedons Innovationswillen: „Serenity – Flucht in neue Welten“ hieß sein Space-Western als Leinwand-Finale von „Firefly“. Zwar ein Flop aufgrund des begrenzt bekannten Ausgangsmaterials, doch gewiss kein weniger raffinierter Popkultur-Mix aus Zitaten und Cliffhangern als jedes Werk eines J.?J. Abrams.
Doch auch Whedon weiß, dass die Figuren inzwischen viel größer sind als ihre Erfinder. Einige Kilometer entfernt ist in den Albuquerque Studios bereits Shane Blacks „Iron Man 3“ in Vorbereitung, während um „Thor 2“ empfindlich gestritten wird, seit die von Natalie Portman protegierte Regisseurin Patty Jenkins („Monster“) von Marvel ersetzt wurde. Durch einen Mann. Kleine Misstöne eines Konzerns, der seinen Angestellten viel Freiheit lässt, aber unbeirrt ein eng miteinander verwobenes Netz an Serien im Sinn hat, wie es die Branche seit dem Studiosystem nicht gesehen hat.
Gegen den damit verbundenen Stress fand Wunderkind Whedon neben nächtlichen Drehbuch-Sessions am Set von „The Avengers“ übrigens eine zweite Therapieschiene. Mit ein paar Schauspielerfreunden drehte er an Wochenenden noch eine zeitgemäße Adaption von „Viel Lärm um nichts“. Heimlich. „Shakespeare“, sagt er, „entspannt so gut, wenn einem zu viele Superhelden den Kopf verstopfen.“

Text: Roland Huschke

Fotos: Zade Rosenthal / 2011 MVLFFLLCTM & 2011 Marvel

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Marvel’s The Avengers“ im Kino in Berlin

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