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Bei den Dreharbeiten zu „Marvel\s The Avengers“

Am Set von

Am besten sind die Nächte. So gegen zwei Uhr morgens, erzählt Joss Whedon, wenn er nach 16 Stunden am Set von „The Avengers“ oft zu aufgekratzt zum Schlafen ist, steuert er auf der Heimfahrt noch ein Diner an. Bestellt schwarzen Kaffee, packt den Stift aus. Und schreibt per Hand stundenlang neue Szenen und Dialoge für einen der teuersten Filme des Jahres.
Für gewöhnlich schrillen jetzt reihum die Alarmglocken. Herumdoktern an Skripts auf Koffein – das Szenario gilt als klassische Gebrauchsanleitung für konfuse Eventfilme mit galoppierenden Budgets. Joss Whedon freilich wird freudig begrüßt, wenn er morgens um acht wieder die „Avengers“-Ateliers in Albuquerque betritt. „Es ist ein immenser Vorteil, einen so begnadeten Autor ständig auf Stand-by zu haben“, findet Robert Downey Jr., „und ich kenne eine Menge Harvard-Studenten, die vor Ehrfurcht schweigen, wenn sein Name fällt.“
Der „Iron Man“-Darsteller hat neben Kevin Feige, Chef von Marvel Studios, hauptverantwortlich die Entscheidung mitgetragen, Whedon ihre Franchise-Krönung als Autor und Regisseur zu übertragen. Einem Außenstehenden mithin, der im Nerd-Universum als anbetungswürdiger Auteur gilt, seit er smarte Serien erfunden hat wie „Buffy – Im Bann der Dämonen“ oder „Firefly“. Für das Fernsehen.
Dessen ungeachtet stand der Marvel-Masterplan seit Jahren. „Iron Man“, „Thor“, „Captain America“, „The Incredible Hulk“ – diese bisher in multiplen Filmserien angelegten Figuren plus ein paar Marvel-Favoriten der Fans treffen in „The Avengers“ zusammen, um erstmals … ja, was eigentlich?
Marvel's The AvengersJoss Whedon windet sich auf seinem Bürostuhl und schweigt zunächst. Durchs Fenster sieht man einen Kojoten über das Gelände streifen, der es dem Roadrunner gleich geschafft hat, an der Marvel-Security mit vier Checkpoints vorbeizukommen. „Mit genau der Frage beschäftigen wir uns seit Monaten“, beendet Whedon die Stille, „denn was passiert eigentlich, wenn diese Supertypen mit ihren supersensiblen Seelchen in einen Raum kommen und sich für eine größere Sache zusammenreißen müssen?“
Die Antwort fällt jeden Tag aufs Neue wie im Workshop. Mit Improvisationen, hingekritzelten Szenenänderungen und viel Input prominenter Schauspieler, die angeblich alle ihre Egos an der Garderobe abgegeben haben. „Sie kennen ihre Rollen länger und besser als ich“, so Whedon, „da wäre es idiotisch, ihnen nicht das Coolste auf den Leib schreiben zu wollen, was man sich zusammen ausdenken kann.“
Dazu gehört offenbar, dass New York von einer Armee Außerirdischer attackiert wird und die „Avengers“ als Schutztruppe mit einer fliegenden Gefechtsstation dagegenhalten. Rasend schnell und selbstsicher inszeniert Whedon Szenenschnipsel, eilt zwischen den Bühnen des Produktionskomplexes in Albuquerque umher, auf denen jederzeit an einem halben Dutzend Motiven zugleich gearbeitet wird.
In der Haupthalle lenkt Jeremy „Hawkeye“ Renner die Attrappe eines Düsenjets, aus deren Heck sich gerade Chris „Captain America“ Evans in die Tiefe stürzt – bevor er nach einem Meter freien Falls auf einer Gummimatte landet. Auf der Tragfläche rast auch Mark „The Hulk“ Ruffalo mit – doch das soll man sich jetzt vorstellen, denn die digital gepimpte Performance berechnet in Kalifornien noch der Computer. Scarlett Johansson ist freundlicherweise im schwarzen Catsuit vor Ort – und schmollt ganz reizend, wenn man fragt, warum ihre Heroine der Black Widow nicht auch mal einen eigenen Film bekommt.
Doch vor lauter Helden, Kostümen, Stars und Doubles bleibt der Blick aufs Ganze verstellt. Kein Zufall, dass die Avengers bei der Arbeit in New Mexico als Kollektiv abgeschirmt werden und ihre Darsteller in Interviews nur subjektive Perspektiven vertreten. Wer die ganze Gang will, muss Eintritt zahlen – und diesen Köder verfüttert Marvel nur äußerst sparsam. Die Motive, Allianzen, Rivalitäten, kurzum: Ein knackiger Raison d’кtre für die Gründung der prominenten Gruppe bleiben hingegen verborgen.

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