Halbdokumentarische Fabel

„Bella e perduta“ im Kino

Der sprechende Büffel – Eine parabelhafte Reise durch Italien.

Foto: Grandfilm

Dies ist ein rätselhafter, ein wunderschöner Film. Einer, der sich ganz selbstverständlich an jene hält, die sonst nicht zu Wort kommen. Einmal, weil sie keine ­Wörter im menschlichen Sinne ausgeben. Dann auch, weil einige in Pietro Marcellos „Bella e perduta“ (deutsch: „Schön und verloren“) am liebsten schweigen oder Gedichte rezitieren. Da ist Sarchiapone, der kampanische Büffel. Und Tommaso Cestrone, Aufseher eines verlassenen Palastes. Außerdem Pulcinella, der Maskenträger, Vermittler zwischen Lebenden und Toten. Und letztlich Gesuino, dichtender Hirte.
Fast ist es wie bei einem Theaterstück. Aber „Bella e perduta“ ist ebenso eine Fabel, denn er gibt dem Büffel Sarchiapone eine Stimme, auf dass er seine Geschichte erzählen möge. Es ist Tommasos Wunsch gewesen – dem Büffel soll die „Gabe der Sprache“ verliehen werden. Man nimmt sich jenem Wunsch an oberster Stelle an – ein merkwürdiger Ort, wo jeder eine Maske trägt, unsterblich ist. Eine Art Himmelreich, jedoch ein unheimliches. Fette grüne Bohnen liegen auf dem Tisch, es wird Karten gespielt, einer lagert auf einer Pritsche und hält sich den dicken Bauch. Bald kommt man sich in diesem „Eine Reise durch Italien“ untertitelten Werk vor wie in einem Film von Ulrike Ottinger.

Und dann beginnt Sarchiapone, der ­Büffel, zu erzählen. „Mein einziges Dach war der Bauch meiner Mutter. Oder hin und wieder ein altes Brett – wenn ich Glück hatte.“ ­Sarchiapone träumt davon, andere Planeten zu erkunden, und fragt sich, wann sie denn endlich vorüber ist, die Knechtschaft der Menschen über die Tiere. Er ist in keiner ­guten Situation: Tommaso, der nicht nur den imposanten Barockpalast Reggia di Carditello in Caserta unter Drohgebärden der Camorra vor der Verwahrlosung schützte, sondern auch Sarchiapone vor dem Tod bewahrte, ist am Weihnachtsabend einem Herzanfall erlegen. Ohne seinen Patron wird es dem Büffel schlecht ergehen, denn männliche Tiere geben keine Milch für den berühmten Mozzarella und werden daher geschlachtet. Fortan soll der herabgestiegene Pulcinella für das Büffelkind sorgen.

Pietro Marcellos Film ist geprägt von dem plötzlichen Tod Tommaso Cestrones, ja, den gab es wirklich. „Bella e perduta“ war ursprünglich auch als ein Porträt über diesen „Engel von Carditello“ geplant. Was blieb: der ebenfalls reale Büffel Sarchiapone und das bisher entstandene Material über Cestrones selbstlose Arbeit für die Tiere und gegen den Verfall kampanischen Kulturerbes. Ein Don Quijote mit strahlend blauen Augen im schönen Gesicht, dem Marcello mit „Bella e perduta“ ein Denkmal setzt. Er ist der Schutzheilige der Terra dei fuochi, dem Feuerland im Umfeld Neapels, einst bekannt für seine reichhaltigen Böden, über denen heute der Giftmüll ausgebreitet wird.

Pietro Marcello zeigt ein verarmtes ­Italien, dessen ursprüngliche Schönheit dennoch ­erkennbar ist. Zumal zwischendrin immer wieder Fragmente vergangener Zeiten aufblitzen: Fresken aus dem  Bourbonenpalast, auf denen Büffel zu sehen sind – seit jeher wichtige Tiere der Provinz; oder die vorgetragenen Gedichte und Lieder Gesuinos, in dessen Hände Sarchiapone schließlich fällt. „Bella e perduta“ ist ein Abgesang und zugleich eine Ode. Es ist auch ein Film, bei dem man nicht alles begreifen muss, um zu verstehen.

Bella e perduta I 2015, 87 Min., R: Pietro Marcello, D: Tommaso ­Cestrone, Sergio Vitolo, Gesuino Pittalis, Start: 14.7.

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