Animationsklassiker

„Belladonna of Sadness“ im Kino

Die Bauern-Barbarella: Der Zeichentrickfilm „Belladonna of Sadness“ von 1973 ist eine sehr sehenswerte, skurrile Wiederentdeckung

Belladonna of Sadness
Foto: Rapid Eye Movies

Mit dem Begriff Anime verbinden westliche Kinogänger heute fast ausschließlich die Ästhetik der großen feuchten Kulleraugen, die uns für den japanischen Animationsfilm so bezeichnend erscheint. Die Wiederaufführung von Eiichi Yamamotos „Belladonna of Sadness“ (OT: „Kanashimi no Beradona“), einem im ­besten Sinn bizarren, stilistisch ebenso eklektizistischen wie originellen Werk, erinnert nun daran, dass die ­Bandbreite des kunstvollen Trickfilms schon immer ­ungleich weiter gefasst war.
Dabei ist die Produktion von „Belladonna of Sadness“ auf ironische Weise eng mit jenem Mann verbunden, der, inspiriert von amerikanischen Betty-Boop-Cartoons, einst die japanische Kulleraugen-Ästhetik erfand: Der auch bei uns als Schöpfer des Mangas „Astro Boy“ und der gleichnamigen TV-Serie bekannte Zeichner, Regisseur und Produzent Osamu Tezuka produzierte den Film 1973 für seine Firma Mushi Productions – als drittes Werk in einer kleinen Serie von für ein erwachsenes Publikum gedachten Filmen mit erotischen Inhalten.

Aber diese Art kunstvoller Sexploitation fand nur wenig Anklang, obwohl der Film in seiner Ära zwischen Ralph Bakshis „Fritz the Cat“ und der Prä-Porno-Exploitation von „Justine – Lustschreie hinter Klostermauern“ durchaus ein Publikum hätte finden können. Doch Mushi Productions machte Pleite – und Tezuka verfasste in der Folge ein 3.000-seitiges Manga über Buddha.

„Belladonna of Sadness“ geriet mehr oder minder in jene Vergessenheit, der das Meisterwerk nun durch eine neue, digitale Restaurierung entrissen wird, die auch ­wieder jene acht Minuten enthält, die 1979 für eine japanische Wiederaufführung herausgeschnitten wurden, und die offenbar nur noch in einer integralen 35-Millimeter-Kopie der belgischen Kinemathek vorhanden waren. Und es ist schon ein wirklich bahnbrechendes Werk, das hier das Licht der Öffentlichkeit wieder erblickt.
Basierend auf dem Roman „La sorcière“ („Die Hexe“, 1862) des antiklerikalen französischen Schriftstellers und Historikers Jules Michelet erzählt „Belladonna of Sadness“ die Geschichte der Bäuerin Jeanne, die an ihrem Hochzeitstag Opfer einer Massenvergewaltigung durch den Fürsten und seinen Hofstaat wird, sich in der Folge dem Teufel verschreibt und als selbstbestimmte Hexe letztlich die Macht des Fürsten und seiner Frau herausfordert.

Dabei wurden diese äußeren Handlungsstränge 1973 nicht in klassischer Weise animiert; Bewegung wird hier allenfalls geschaffen, indem die Kamera an den Zeichnungen wie an einem historischen Rollbild entlangfährt. Es sind die sinnlichen Empfindungen und Gedankenwelten der Hauptprotagonistin, bei denen die Animation in einer Flut von Farben und Formen förmlich explodiert, gern auch in einer pulsierenden phallischen oder vaginalen Symbolik. Der Teufel, der Jeanne unverhüllt „Ich bin Du“ verkündet, kommt etwa als kleiner Phallus daher, der sich nur allzu gern in Jeannes Hand reibt und dazu sehr selbstbewusst prahlt: „Ich kann auch größer werden.“
Inhaltlich ist die Mischung aus unverhohlener ­Sexploitation mit einer lasziven Bauern-Barbarella, ­ihren bebenden nackten Brüsten und dem wilden Gestöhne auf der Tonspur einerseits, sowie der durchaus ernstgemeinten feministischen Vorstellung einer mächtigen, komplett selbstbestimmten weiblichen Sexualität andererseits, zweifellos bizarr und aus heutiger Sicht eher belustigend als wirklich irritierend.

Belladonna of Sadness
Foto: Rapid Eye Movies

Die wahre Faszination des Films liegt in den einzigartig surrealen Bilderwelten dieses von Art Director Kuni Funai entworfenen psychedelischen Bilderbuchs, das sich stilistisch zwischen exquisiten Tuschbildern, dem – ­seinerseits von japanischen Holzschnitten inspirierten – grafischen Stil des Briten Aubrey Beardsley vom Ende des 19. Jahrhunderts und den Sixties-Collagetechniken von Peter Blake und Klaus Voormann bewegt.

Eine Sequenz, in der Jeanne ihre Kraft mit der des schwarzen Todes misst, unter dessen Einfluss Kathedralen und Paläste dahinschmelzen, wirkt, als wäre Hieronymus Bosch Pop-Art-Künstler gewesen. Und mal ehrlich: Kennt jemand einen anderen Film, der sich so selbstverständlich zwischen Marquis de Sade und „Yellow Submarine“ bewegt? Eine außergewöhnliche Erfahrung.

Kanashimi no Beradona (OT) J 1973, 86 Min., R: Eiichi Yamamoto, Start: 1.9.

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