Kino & Stream

„Berberian Sound Studio“ im Kino in Berlin

Berberian Sound Studios

Irgendwie hatte Toningenieur Gilderoy sich die Sache anders vorgestellt. Wohl eher weniger befremdlich, dafür etwas organisierter, um nicht zu sagen professioneller. Allein die Kosten für sein Flugticket erstattet zu bekommen, erweist sich als unlösbare Aufgabe. Und dann erst diese lautstark raumgreifenden Italiener! Gilderoy kommt nämlich aus England, wo er gemeinsam mit seiner Mutter idyllisch im Grünen wohnt und in seinem Gartenhäuschen Soundeffekte für Kindersendungen und Naturdokumentationen kreiert. Gilderoy ist ein Meister seines Fachs. Nur hatte er sich eben unter dem Auftrag, für ein Studio in Rom einen Film mit dem Titel „Il vortice equestre“ („The Equestrian Vortex“) nachzuvertonen, etwas anderes vorgestellt.
Peter Stricklands Meta-Genre-Kunstfilm-Hybrid „Berberian Sound Studio“ spielt im Jahr 1976, als das italienische (S)Exploitation-Thriller-Subgenre des Giallo in voller Blüte steht. Statt mit Kokosnusshälften Hufgeklapper zu simulieren, sieht Gilderoy sich also mit riesigen Küchenmessern auf Kohlköpfe einheben, dreht unschuldigen Radieschen die Köpfe ab, hämmert Melonen zu Matsch, kurz: Er erzeugt des Giallos charakteristische Geräusche. Saftige und starke Sounds, die im Kopf des Betrachters Bilder von beträchtlicher Drastik entstehen lassen, die man zugleich froh ist, nicht sehen zu müssen. Gilderoy aber hat die Bilder von Hexen­spuk und Frauenqual vor sich auf der Leinwand im Studio. Und sie machen ihm zu schaffen. Nicht weniger als der Umstand, dass er mit seiner Hände Arbeit zu ihrer perfekten Wirkung beiträgt.
Toby Jones ist die ideale Besetzung für den armen Wicht, den der zweifache Kulturschock von südeuropäischem Machismo und enthemmtem Genrekino aus der Fassung bringt. Je derangierter Gilderoy wirkt, umso beredter lässt Jones ihn schweigen; er schafft mit minimalen Mitteln die Charakterstudie eines sanften Mannes, der gegen seine moralische Korruption ankämpft.
Nicht weniger Spaß als der Schauspieler an seiner Figur hat der Filmemacher mit der Form. Strickland verschränkt die detailreich ins Bild gesetzte Studie einer (untergegangenen) Arbeitswelt analoger Geräuscherzeugung mit einer spielerischen Erzählung über die Realität erzeugende Kraft des Imaginären. Er lockt die Zuschauer mit den Tönen auf der Spur der Bilder in ein Spiegelkabinett, indem er Ebenen ineinanderkippen und Perspektiven aufein­ander­prallen lässt. Dabei finden wir uns am Ende immer noch besser zurecht als Gilderoy; schließlich ist „Berberian Sound Studio“ nur ein Film – über einen Film. Eine Hommage an ein Genre und an eine Profession. Ein Experiment, das vom Gehörsinn ausgehend einen kinematografischen Raum vermisst und das dabei zugleich dessen Historizität sichtbar macht sowie für gegenwärtige Erzählweisen erschließt. Stricklands Spiel über die Bande verknüpft die Formalismen des Genrekinos mit der narrativen Freiheit des Heute. Respektvoll, zugeneigt und mühelos.

Text: Alexandra Seitz

Fotos: Rapid Eye Movies

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Berberian Sound Studio“ im Kino in Berlin

Berberian Sound Studio, Großbritannien/Deutschland 2012; Regie: Peter Strickland; Darsteller: Toby Jones
(Gilderoy), Tonia Sotiropoulou (Elena), Susanna Cappellaro (Veronica); 92 Minuten; FSK 12

Kinostart: 13. Juni

Mehr über Cookies erfahren