Filmfestival

Bericht von den 58. Nordischen Filmtagen

Zivilisierter Ungehorsam: Die Beiträge im Spielfilmwettbewerb bei den 58. Nordischen Filmtagen in Lübeck erkunden, was das Menschsein ausmacht

Foto: Nadja Hallström/B Reel Feature Film
Foto: „Drifters“, Nadja Hallström/B Reel Feature Film

Das Wort „bürgerlich“ trifft es nicht richtig. „Zivilisiert“ ist eine bessere Umschreibung für das, worauf man in Lübeck an jeder Ecke stößt. Sei es nun die jahrhundertealte Tradition der Stiftungen, dieses Selbstverständnis der reichen Bewohner der Hansestadt, am Wohlstand auch Ärmere teilhaben zu lassen. Sei es nun die grandiose Architektur mit den vielen Backsteinbauten, Kirchen und Museen in der Stadt mit ihren 220.000 Einwohnern. Sei es nun die nüchterne, freundliche Art der Lübecker oder einfach nur die „Crisis Cuisine“ mit Mittagessen von Flüchtlingen während der Nordischen Filmtage – immer macht die Stadt einen aufgeräumten, kultivierten, eben zivilisierten Eindruck.

Interessanterweise spiegelt sich in etlichen Filmen im Wettbewerb des Festivals, das sich seit 58 Jahren um den Nordeuropäischen Film kümmert, der ewige Kampf um die Zivilisation, um das Zivilisierte im menschlichen Zusammenleben wider. Wie konnte es zum Beispiel passieren, dass im Jahr 1666, also rund 150 Jahren nach Luthers 95 Thesen und dem Beginn der Neuzeit, Kirche und Staat (nicht nur) in Nordeuropa ins dunkelste Mittelalter zurückfielen und auf Hexenjagd gingen? Regisseurin Saara Cantell schildert in ihrem Historiendrama „Des Teufels Braut“ („Tulen Morsian“) von solchen Fällen auf der Insel Åland. Dort verliebt sich eine 16-Jährige in einen verheirateten Fischer und nutzt die Bereitschaft des neuen Dorfrichters, die „Hexerei“ zu bekämpfen, um die verhasste Ehefrau des Fischers zu denunzieren – mit fatalen Folgen. Leider gerät die Szenerie mit all den hübschen und viel zu sauber geschneiderten Kostümen viel zu glatt, auch dramaturgisch.

Einen anderen „unzivilisierten“ Ort macht Regieroutinier Jesper W. Nielsen („Okay“) in „Der Tag wird kommen“ („Der kommer en Dag“) aus. Er erzählt nach wahren Begebenheiten von den untragbaren Zuständen in einem dänischen Waisenhaus Ende der 1960er-Jahre. Die beiden jungen Brüder Elmer und Erik geraten mitten hinein in diese Welt aus Gewalt, sinnlosen Machtdemonstrationen und Misshandlungen – körperlich wie geistig. Ein gut besetztes, hochemotionales Melodram, clever konstruiert, das bei den Nordischen Filmtagen den begehrten Publikumspreis einheimste. Und das sicherlich auch dank des Könnens der beiden jungen Schauspieler Harald Kaiser Hermann als Elmer und Albert Rudbeck als Erik.

Noch zwei Jungen spielen in einem anderen Film die Erwachsenen glatt an die Wand. Baldur Einarsson und Blær Hinriksson brillieren in „Herzstein“ („Hjartasteinn“) von Gudmundur Arnar Gudmundsson als zwei pubertierende Freunde, die beim Erkunden ihrer Sexualität im provinziellen Osten Islands diverse Verwirrungen der Gefühle erleben. Das ist einfühlsam und mitunter fast intim geschildert, mit 127 Minuten aber deutlich zu lang geraten. Und warum spitzt der Autor und Regisseur die eh schon komplizierte Lage der Jungen noch zu, indem er ihnen unfähige Eltern und einen Außenseiterstatus im Dorf zuweist? Doch all dies hat die Jury nicht daran gehindert, der von „Victoria“-Kameramann Sturla Brandth Grøvlen grandios bebilderten Coming-of-Age-Geschichte den NDR-Filmpreis, den wichtigsten Preis des Festivals, zuzusprechen.

Aus einer Zeit, in der alles Zivilisierte abwesend war, erzählt Nicolo Donato in dem dänischen Drama „Die Vögel über dem Sund“ („Fuglene over Sundet“). 1943 beginnen die Nazis auf die bis dahin verschont gebliebenen Juden im besetzten Dänemark Jagd zu machen. Dem Jazzgitarristen Arne (David Dencik) und seiner Familie bleibt nur die Flucht übers Wasser nach Schweden, doch damit sind sie auf dänische Fischer angewiesen – und von denen versucht der eine oder andere, buchstäblich Kapital aus der Not seiner Mitbürger zu schlagen. Interessant, wie sich Donato einer konventionellen Erzählweise verweigert: Statt auf pompöse Tableaus zu setzen, erzählt er seine spannende Geschichte mit vielen Nahaufnahmen, Handkamera, bewussten Unschärfen.

Wie Drogen und die dazugehörende Szenerie das Zivilisierte in einem Menschen mitunter auslöschen können, davon erzählt der Schwede Peter Grönlund in „Drifters“ („Tjuvheder“). Darin klaut die Dealerin und Drogenkonsumentin Minna aus Verzweiflung einem üblen Drogenchef ziemlich viel Geld und taucht in einem Trailerpark unter. Der große Pluspunkt des Films ist seine atemberaubende Authentizität. Man spürt: Hier weiß einer, wovon er erzählt – Grönlund hat jahrelang als Sozialarbeiter mit Drogenabhängigen und Obdachlosen gearbeitet und aus diesem Milieu auch etliche Nebenfiguren gecastet.

Ein Casting der ganz anderen Art hat Johan Löfstedt hinter sich gebracht. Für „Kleinstadt“ (Smastad“) – dem vielleicht ungewöhnlichsten Wettbewerbsbeitrag der Nordischen Filmtage 2016 – überredete der schwedische Filmemacher etliche Mitglieder seiner vielköpfigen Familie, sich selbst zu spielen, in ihrem natürlichen Umfeld. Und so erleben wir den Alltag von vier Tanten und einem Onkel Löfstedts. Der Großvater ist gestorben und hat Videos hinterlassen, in denen er sich von jedem einzelnen seiner Kinder verabschiedet. Das weckt Emotionen. Darüber hinaus hat der Onkel schwer damit zu kämpfen, vor Publikum bei Reden keinen Ton herauszubekommen. Um die Authentizität noch zu erhöhen, hat der Regisseur zudem originale Homevideos in diesen dramaturgisch beliebigen Mix aus farbigen und schwarzweißen Bildern montiert – und kreiert hier sozusagen ein neues Subgenre. Bisher kannten wir Fake-Dokus: Filme, die so tun, als würden sie aus dem echten Leben erzählen, dabei sind sie pure Fiktion. Dies hier ist nun ein Fake-Spielfilm: ein Film, der so tut, als sei er ein Spielfilm, dabei ist hier ganz viel dokumentarisch. Und so ganz nebenbei erzählt „Kleinstadt“ viel vom Alltag einer schwedischen Kleinstadt – und der ist überaus zivilisiert, auch im Umgang mit Flüchtlingen.

www.filmtage.luebeck.de

 

Die Preisträger und Lobende Erwähnungen:

NDR Filmpreis:

HERZSTEIN (Hjartasteinn), Regie: Guðmundur Arnar Guðmundsson, Island

Publikumspreis der „Lübecker Nachrichten“:  

DER TAG WIRD KOMMEN (Der kommer en dag), Regie: Jesper W. Nielsen, Dänemark

Baltischer Filmpreis: 

DER GLÜCKLICHSTE TAG IM LEBEN DES OLLI MÄKI (Hymyilevä Mies),

Regie: Juho Kuosmanen, Finnland

Kirchlicher Filmpreis Interfilm:

ROSEMARI, Regie: Sara Johnsen, Norwegen

Dokumentarfilmpreis:

DIE ÜBERFAHRT (Flukten), Regie: George Kurian, Norwegen

Eine Lobende Erwähnung geht an:

DER MANN, DER 75 SPRACHEN KONNTE (Mannen som kunne 75 språk)

Regie: Anne Magnussen, Pawel Debski; Norwegen

CineStar-Preis:

PAULS BOOT (À La Dérive), Regie: Cyprien Clément-Delmas, Deutschland

Kinder- und Jugendfilmpreis:

ICH BIN WIR (Es Esmu Seit), Regie: Renars Vimba, Lettland

Eine Lobende Erwähnung geht an:

GILBERTS GRAUSAME RACHE (Gilberts grusomme hevn)

Regie: Hanne Larsen, Norwegen

Preis der Kinderjury: 

GILBERTS GRAUSAME RACHE (Gilberts grusomme hevn)

Regie: Hanne Larsen, Norwegen

Zwei Lobende Erwähnungen gehen an:

MÄDCHEN, MUTTER UND DÄMONEN (Flickan, Mamman och Demonerna),

Regie: Suzanne Osten

IQBAL UND DIE GEHEIMREZEPTUR (Iqbal & den hemmelige opskrift),

Regie: Tilde Harkamp

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