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Nicht wirklich gelungen: „Berlin ’36“

Kaspar Heidelbach, seit „Das Wunder von Lengede“ ein TV-Experte für Kostüme und Emotionen, hat eine bizarre Episode der Berliner Olympiade 1936 verfilmt. Die heute 95-jährige Gretel Bergmann-Lambert, damals eine Hoch­­sprungmeisterin, wurde durch einen als Mädchen getarnten Konkurrenten endgültig aus der Qualifikation zum Wettbewerb gewor­fen. Rassistische und sexistische Körperpolitik treffen sich in dieser unglaublichen Geschichte, aber „Berlin ’36“ verschenkt den Stoff an eine einfallslose Dramaturgie und klischeehafte Figuren. Deutsches Historienkino, das nicht an einer inspirierenden Erzählhaltung, sondern an computergenerierter Pseudoauthentizität, an Nazi-Sets und 30er-Jahre-Strick­mode interessiert ist.
Die NS-Organisatoren der Olym­­piade schlossen jüdische Athleten von den Wettkämp­fen aus. Gretel Bergmann (Karoline Herfurth) emigrierte nach England und feierte dort sportliche Erfolge. Der Film setzt mit dem Protest der USA gegen das rassis­tische Verdikt ein, der von dem an­tisemitisch eingestellten Olympioniken Avery Brundage nur halbherzig vertreten wird. Doch die braunen Olympia-Funktionäre ändern ihre Taktik und setzen Gretels Eltern unter Druck, sie nach Berlin zurückzuholen. Im Trainingslager zunächst unter dem Schutz eines fairen Trainers (Axel Prahl), behauptet sie ihre Leistungen trotz der Intrigen ihrer nazistischen Rivalinnen. Der nette Trainer wird durch einen Schinder ersetzt (Robert Gallinowski), der Gretel aus der Qualifikation drängen soll. Sein Trumpf ist Marie Ketteler (im Original Dora Ratjen), ein Sprung-Talent mit Lo­cken­kopf, Kieksstimme und virilem Muskeltonus (Sebastian Urzendowsky).Von der Mutter als Mädchen erzogen, will der verkappte Junge eine Medaille gewinnen, weil die Nazis versprechen, dann seine männliche Identität per Ausweis zu bestätigen. Was verbirgt sich hinter solch einer zwangsweisen Traves­tie? Der Film bleibt leider an der Oberfläche des historischen Skandalons, nimmt den Außenseiter-Status von Gretel und Marie nur als Anstoß für eine Freundschaft, die trotz der Konkurrenz gefestigt wird. Sebastian Urzendowsky gibt das Mädchen mit manierierten Blick­blitzen, Karoline Herfurth spielt emotionale Intelligenz pur – fragt sich, warum der Film bis zum Coming-out so lange braucht.

Text: Claudia Lenssen

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Berlin ’36“ im Kino in Berlin

Berlin ’36, Deutschland 2009; Regie: Kaspar Heidelbach; Darsteller: Karoline Herfurth (Gretel Bergmann), Sebastian Urzendowsky (Marie Ketteler), Axel Prahl (Hans Waldmann); Farbe, 101 Minuten

Kinostart: 10. September

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