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„Berlin für Helden“ im Kino

Berlin für Helden

Klaus Lemke hat mal wieder alles getan für seinen Film: die Finanzierung allein gestemmt, Schauspieler entdeckt, sich bei der Berlinale beworben, eine Ablehnung kassiert, trotzig Pressearbeit gemacht. Dazu gehörte etwa sein Protest am roten Teppich der Berlinale mit blank gezogenem Hintern. Eine Aktion, die bekanntlich ein voller Erfolg wurde für Lemke und seinen neuen Film „Berlin für Helden“.
Später merkte der alte Mann des deutschen Low-Budget-Kinos im Ton der Selbstverständlichkeit an, kein Film habe während des Festivals mehr Presse gehabt. Was vielleicht übertrieben ist, die Sache aber im Kern trifft. Vor allem in Relation zum Publicity-Etat, der dem Regisseur zur Verfügung steht. Doch was er anzubieten hat, ist fraglos eine Marke: Lemke-Kino, das sind Kiez-Filme, die vom American Cool und der Nouvelle Vague der Sechziger träumen und von liebes- und sexhungrigen Städtern bevölkert sind, die von Laien verkörpert werden.
Berlin für HeldenFür Typen mit Potenzial hat der Mann mit der Schiebermütze oft Gespür bewiesen. In keiner Biografie über ihn werden seine Entdeckungen vergessen wie etwa Iris Berben, Cleo Kretschmer, Wolfgang Fierek oder auch Thomas Kretschmann, der 1993 in dem grungigen Sankt-Pauli-Streifen „Die Ratte“ einen Kiez-Hallodri spielte und heute Hollywood-Star ist. Als solcher wäre Kretschmann heute eh nicht zu bezahlen. Aber auch uninteressant. „Ich nehm‘ keine Schauspieler, die Arschgeigen. Die sind nicht echt“, so klingt das, wenn Lemke sich selbst erklärt, oder: „Ich brauche richtige Menschen. Menschen mit Geschichten.“ Leute, die reingeben, was sie haben, keine Zauderer.
So wie er selbst, der das Regiehandwerk nirgends lernte, sondern nur vom Filmeschauen. Mit Mitte Zwanzig fing er einfach an, seine Storys um Träumer, Streuner, Sprücheklopfer zu drehen. Filme, in denen es auch immer um schöne Mädchen, Autos oder Motorräder geht. Das war 1967 im Debütfilm „48 Stunden bis Acapulco“ so und das ist jetzt auch in „Berlin für Helden“ so, wo Henning Gronkowski in einem alten weißen Mercedes quer durch Berlin fährt.
Berlin ist für Lemke eine Neuentdeckung. Bis dahin hatte der Herzensmünchener nur Hohn übrig für die Hauptstadt, was aber lustig klang: „neowilhelminischer Unsinn“ sei Berlin, voller „verwirrter Söhne und verspannter Töchter“. Solche Watschen sind deftig, aber eben auch nie ganz falsch. So kommt es, dass man Lemke gern zuhört, wenn er aus dem Stand über „Grabstein“-artiges deutsches Kino und das lahme Subventionssystem herzieht.
Für seine provokanten Fragen hat er Film gewordene Antworten. Jetzt also „Berlin für Helden“, in dem es um zwei frisch getrennte Pärchen geht, die ein Wochenende lang durch Berlin ziehen, fremdgehen, sich streiten, versöhnen, viel Sex haben und versuchen, irgendwie an Geld zu kommen. Hauptfigur ist, wiederholt in einem Lemke-Film, Saralisa Volm, die sich mit zartem Silberblick und sehr langen Beinen als männermordender Vamp inszeniert. Um Liebe geht es, und sie kommt und geht immer ziemlich unvermittelt. Sie zeigt sich an Schauplätzen des „neuen Berlin“, womit Lemke Ecken meint wie die Kreuzung am Rosenthaler Platz, das Sankt Oberholz, die Torstraße und das Maybachufer in Kreuzkölln. Oft gefilmte Orte, die hier ebenfalls so wirken, als verharrten sie in ihren Lieblingsposen. Leidenschaft und Wahrhaftes überträgt sich nicht ohne Weiteres. Dazu muss man sich beim Betrachten schon ausmalen, wie all diese Szenen zustande kamen; man muss den Mann im Hintergrund mitdenken, mit seiner Schiebermütze und seiner Unbedingtheit und, ja, einer brennenden Liebe für sein Kino.

Text: Ulrike Rechel

Fotos: Klaus Lemke, KLF

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Berlin für Helden“ im Kino in Berlin

Berlin für Helden, Deutschland 2012; Regie: Klaus Lemke; Darsteller: Saralisa Volm, Marco Barotti, Anna Anderegg; 83 Minuten

Kinostart: 5. April

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