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„Berlin hat alles falsch gemacht“ – Interview mit Helene Hegemann

Kein aufgeschmissener Twen: ­Helene Hegemann über ihren Film „Axolotl Overkill“, ihre Bestimmung als Autorenfilmerin, Erfahrungen mit der Volksbühne und über die Orte, an die sie mit ihrer Hündin Charly geht

Foto: Harry Schnitger

tip Frau Hegemann, sieben Jahre liegen zwischen dem Buch „Axolotl Roadkill“ und dem Film „Axolotl Overkill“. War es von vornherein ausgemacht, dass Sie selbst die Verfilmung machen würden?
Helene Hegemann Überhaupt nicht. Ich hätte es damals gern höchstmöglich versteigert – einfach weg mit dem Ding, damit jemand anderes was daraus macht. Allerdings hatte ich ja selbst als Filmemacherin angefangen, zwei Jahre vor „Axolotl Roadkill“ hatte ich „Torpedo“ gedreht. Deshalb habe ich die Filmrechte behalten, statt sie dem Verlag zu überlassen, und musste mich dadurch zwangsläufig mit den Angeboten auseinandersetzen. Zum Glück. Ich merkte schnell, dass jeder andere das Buch als Gegenteil von dem verfilmen würde, was ich mit dem Stoff mal in die Welt hatte setzen wollen. Ein standardisierter Teenie-Drogen-Partyfilm. Und das, was das Buch meiner Meinung besonders gemacht hat, hatte absolut nichts mit Party oder Drogen oder dem Begriff „Teenager“ zu tun.

tip Sie wollten auf Abstand zum Buch gehen?
Helene Hegemann Auf jeden Fall. Der Grundzustand von Mifti, der Hauptfigur, ist schwer zu verfilmen. Das Buch spielt sich ja echt nur in ihr selbst ab. Und zu diesem Innenleben mussten wir im Film die Außenwelt liefern. Das Buch zeigt Mifti als totale Krawallbürste, von der man denkt, die ist eigentlich nicht lebensfähig, dreht völlig durch. Im Film hat man eine Figur, die sich extrem gut durch das alles durchmanövriert, die souverän wirkt. Diesen Widerspruch fand ich so gut. Das Innenleben, die totale Verzweiflung. Und dann sieht man ein und dieselbe Person plötzlich von außen und stellt fest, dass die irgendwie echt patent ist und so was wie gesunden Menschenverstand hat.

tip In den sieben Jahren sind Sie selbst erwachsen geworden. Und Mifti wäre jetzt auch sieben Jahre älter …
Helene Hegemann In dem Buch hatten die Erwachsenen alle keinen Platz, die wurden ausschließlich von dieser Sechzehnjährigen beurteilt. Das ist in der Verfilmung anders, und das hängt sicher damit zusammen, dass ich jetzt selber eher im Alter der Geschwister bin.

tip War es schwierig, Geld für den Film zu bekommen?
Helene Hegemann Das hatte schon einen Grund, dass wir nicht Knall auf Fall drehen konnten. Die Finanzierung zog sich über vier Jahre hin, kurz vorm Beginn der Vorproduktion ist die Constantin Film eingesprungen, als noch zehn Prozent des Budgets fehlten, und hat sich dazu bereit erklärt, den Film ins Kino zu bringen. „Axolotl Overkill“ ist aber überwiegend das Projekt einer relativ kleinen Firma: Vandertastic. Natürlich ist das ein Kampf, immer wieder abzuwarten und immer wieder abgelehnt zu werden, aber das passiert so gut wie allen, leider. Nach der ersten Schnittfassung gab es dann auch noch einmal Kämpfe, nämlich darum, ob man diese radikale Dramaturgie so lassen kann, wenn das jetzt nicht zu blöd klingt, sich selbst als radikal zu bezeichnen. Das Material war von vornherein auf einen experimentellen Charakter angelegt, inhaltlich gab es dann aber eben Kämpfe um so einen Quatsch wie Massentauglichkeit.

tip Wie kamen Sie auf Jasna Fritzi Bauer?
Helene Hegemann Ich hatte sie immer auf dem Schirm, hatte sie auch im Theater gesehen, dachte aber immer, sie ist zu alt. Sie war Mitte zwanzig, als wir zu casten begonnen haben. Mavie Hörbiger und sie kannten sich vom Burgtheater. Ich habe dann schon nur noch um Jasna herum gecastet. Laura Tonke hat auch viel Theater gespielt, Bernhard Schütz ist sowieso eine Legende, was das betrifft. Die können eine andere Art von Flow herstellen. Da wird nicht nach jedem Take alles noch einmal von vorn wiederholt, was man sich zu Hause für sich selbst überlegt hat, welche Hand in welcher Hosentasche und so. Das haben die durchbrochen, sie haben es besser geschafft, sich aufeinander zu beziehen, als das eine Gruppe von Filmschauspielern gekonnt hätte. Jasna hat noch etwas anderes, was für diese Figur Mifti gut war, nämlich etwas extrem Unentschiedendes, was ihr Geschlecht betrifft. Die ist eine totale Frau und ein totaler Mann, nicht einfach nur androgyn. Sie ist ganz erwachsen und ganz kleinkindlich, und alles immer gleichzeitig.

tip Stark in Erinnerung bleibt auch die Figur der Alice.
Helene Hegemann Arly Jover bedient da auch nicht die klassische weibliche Sexyness. Die hat eher ein bisschen was von Keith Richards, was Anarchisches, Jungsmäßiges, Befreites.

tip Musik spielt in „Axolotl Overkill“ eine wichtige Rolle.
Helene Hegemann Von Soap & Skin war ich schon mit 14, 15 ein großer Fan. Es gab im Drehbuch diese Art Showdown, in dem sich die zwei Frauen zum ersten Mal wieder gegenüberstehen, da habe ich nach etwas gesucht, was dazu passen könnte, ohne dass das gleich nach „Titanic“ aussieht. „Me and the Devil“ ist ein Song aus den dreißiger Jahren, von dem Soap & Skin eine Version von Gil Scott-Heron gecovert hat. Es war toll, dass sie unter den Bedingungen mitgemacht hat, die ja nicht die luxuriösesten waren. Ich mag Musik als dramaturgisches Element, die untermalt ja nichts, sondern soll die Szene auch widersprüchlich aufbrechen. Ich finde diesen alten Filmschulsatz überholt, dass die beste Filmmusik eine ist, an die man sich nicht erinnern kann.

tip Was hat das Buch mit Ihrem Leben damals gemacht, einmal abgesehen von der Kontroverse um die unausgewiesenen Passagen von Airen, also von der „Plagiatsaffäre“?
Helene Hegemann Man kann mit so einer Situation nur zurechtkommen, wenn man sie nicht ernst nimmt. Das schüttelt man aber halt nicht aus dem Ärmel, dazu muss man sich zwingen, sich selber in der Öffentlichkeit als eine Art Abspaltung von sich selbst zu sehen, wenn es so abstrus wird.

tip War das Leben in Berlin danach anders? Das Ausgehen?
Mein soziales Umfeld ist stabil geblieben, da könnte ich keinen Unterschied nennen. Man hat angefangen, die besseren Tische in Restaurants zu kriegen, das war ein Unterschied. Vielleicht kam mir das aber auch nur so vor, weil ich es mir plötzlich überhaupt leisten konnte, in Restaurants zu gehen. Diese Pseudodebatte war ja auch sehr feuilletonintern.

tip Ein Wort noch zu Ihrem Film „Torpedo“, der nicht so bekannt ist?
Helene Hegemann Ich fing relativ schnell, nachdem ich nach Berlin gekommen war, an, nicht mehr zur Schule zu gehen, also ganz stilecht zu schwänzen. Parallel habe ich angefangen zu schreiben. Keine Prosa, sondern Drehbücher. Ein ambitioniertes Dreistundenprojekt habe ich dann an österreichische Produzenten geschickt, die waren weit genug weg, denen hätte ich nicht zufällig auf der Straße begegnen können. Die Firma, die sich im Endeffekt getraut hat, den Film mit mir zu machen, saß dann aber doch in Berlin. Ich war vor „Torpedo“ noch nie mit etwas konfrontiert gewesen, das so viel in mir ausgelöst hat, mir so viel Spaß gemacht hat wie dieser Film und das Filmemachen.

tip Danach haben Sie aber ein Buch geschrieben.
Helene Hegemann Ja, kann ich mir auch nicht erklären. Ich war wahrscheinlich ungeduldig und ein bisschen größenwahnsinnig und wollte nicht drei, vier Jahre auf ein nächstes Filmprojekt warten.

tip Sehen Sie sich nun als eine Filme­macherin, die auch Bücher schreibt?
Helene Hegemann Ich verstehe mich als Autorenfilmerin. Vielleicht, weil das eher ein Beruf ist oder von außen eher als Beruf anerkannt wird, als das Schreiben. Ich finde es wichtig, etwas zu machen, was wirklich als Arbeit gerahmt ist, nicht als ein dauerproduzierendes kreatives Wesen gesehen zu werden, das gar nicht anders kann, als zu schreiben.

tip Der Autorenfilm hat gerade in Deutschland eine große Tradition. Ist die wichtig für Sie?
Helene Hegemann Unbedingt. Ich reize den Begriff Autorenfilm jetzt mal aus und nenne Fassbinder, Schröter, Schlingensief. Als ich begann, Filme zu sehen, und zwar um sie zu durchdringen und nicht, um mich einfach nur unterhalten zu lassen, da lief „Alle anderen“ von Maren Ade auf der Berlinale. „Schlafkrankheit“ von Uli Köhler war auch wichtig. „Der Räuber“ von Benjamin Heisenberg, „Sehnsucht“ von Valeska Grisebach.

tip Für unser Gespräch haben Sie die Volksbühne als Ort vorgeschlagen, jetzt sitzen wir sogar im Intendantenbüro, weil das gerade frei ist. Wie geht es Ihnen mit der Abschiedsstimmung im Haus?
Helene Hegemann Hier herrscht so eine Abgeklärtheit, da blickt niemand angstvoll einem Untergang entgegen, das wird jetzt einfach lässig zu Ende gespielt. Den Untergang gibt es ja nicht, die leben ja alle weiter. Ich bin hier hingekommen, als ich 14 war, und habe mir Stücke angesehen. Das war der erste Ort in meinem Leben, an dem ich mich bedingungslos wohlgefühlt habe, ernsthaft. Und deshalb wird das für mich jetzt bald schon so etwas wie ein zerbombtes Elternhaus sein, vor dem man steht. Man nützt jede sich bietende Gelegenheit, hier noch ein wenig Zeit verbringen zu können.

tip Rebellion auch gegen die Volksbühne war nie ein Thema?
Helene Hegemann Das ist so ein toller Ort gewesen, gegen den man beim besten Willen nicht hätte rebellieren können. Damals, als ich hier auftauchte, da wollte niemand groß was mit mir zu tun haben, warum auch, ich war irgendein Groupie. Aber sich da nicht das abzuholen, was man sich da abholen kann, wäre eine vertane Chance gewesen.

tip Wie erleben Sie Berlin, seit sie 2004 hierhergekommen sind?
Helene Hegemann Berlin hat alles falsch gemacht, was es hätte falsch machen können.

tip So eindeutig?
Helene Hegemann Ja, ich denke schon. Vielleicht sehen das die Leute, die jetzt herkommen, ganz anders, aber ich finde schon, dass Berlin inzwischen wirkt wie ein billiger Abklatsch ist von fünfzehn Metropolen, die es schon gibt auf der Welt. Dass dann doch alle Panik hatten, nicht dazuzugehören. Diese Panik hat den Ehrgeiz überwogen, etwas vollkommen Neues zu gestalten, eine vollkommene
Utopie von einer Stadt.

tip Welche Orte in der Stadt sind Ihnen nahe? Wohin gehen Sie mit der Hündin Charly?
Helene Hegemann Da gibt es ganz viele. Ich lebe am Strausberger Platz, ehemalige Stalinallee. In den Tiergarten gehe ich gern, oder an den Schlachtensee, gern auch mal an den Kaulsdorfer See.

tip
Orte spielen auch im Film eine wichtige Rolle, zum Beispiel die Antivilla von Arno Brandlhuber.
Helene Hegemann Die Wahl der Orte war von Location zu Location unterschiedlich. Ich wollte nichts bauen lassen, auch keine Wohnung einrichten lassen, Wir haben in erster Linie in bewohnten Wohnungen gedreht, die ein bisschen modifiziert wurden. So war das auch bei den Clubs. Die Vorstellung, das Berghain aus Pappmaschee nachzubauen, ist ja auch wirklich horrorhaft. Die Antivilla war ein fantastischer Drehort, wirklich, ich glaube, an keiner anderen Location waren wir so schnell und so konzentriert. Hatte wahrscheinlich was mit Ehrfurcht zu tun. Das Lustige war, dass da überall so teure Kunst stand, dass wir Security engagieren mussten und überall Hütchen hinstellen, damit nicht jemand aus Versehen dagegen tritt.

tip Sie sind nun 25 Jahre alt, wirken aber um einiges abgeklärter. Haben Sie den Eindruck, irgendwie zwischen den Generationen zu leben – früh erwachsen geworden, der eigenen Generation immer ein wenig voraus?
Helene Hegemann Zwischen allem fühle ich mich überhaupt nicht. Sondern ganz simpel auf der Höhe meiner Entwicklung. Ich habe mein Leben lang nichts von Geburtsjahrgängen abhängig gemacht.

tip Was kommt jetzt als nächstes?
Helene Hegemann Ein Roman! Über Gated Communities in einer Stadt, die nie genannt wird.

Interview: Stefanie Dörre & Bert Rebhandl

Rezension zu Axolotl Roadkill

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