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„Berlin – Stettin“ im Kino

Immer wieder hat Volker Koepp für seine Dokumentarfilme die Landstriche zwischen der Elbe und dem ehemaligen Ostpreußen bereist und dabei gemeinsam mit seinem Kameramann Thomas Plenert Menschen und Landschaften gefilmt. Vor der Kamera erzählen Leute verschiedener Nationalitäten und Kulturen aus ihrem Leben, durch ihre Erinnerungen und Gegenwartsbeschreibungen wird dabei Geschichte lebendig. Denn die Brüche in ihren Biografien beschreiben auch die weltpolitischen Umwälzungen der letzten 70 Jahre: Krieg, Vertreibung, Kommunismus, die „Wende“, der Neuanfang im Kapitalismus und alle Probleme, die sich damit verbinden. Koepp interessiert das Weggehen und das Ankommen seiner Protagonisten genauso wie ihr beharrliches Bleiben, im weitesten Sinne handeln seine Filme stets von einem Heimatbegriff ohne volks­­tümelnde Konnotationen: Die Menschen sind ganz einfach verwurzelt in der Landschaft und in ihrer Arbeit – auch, oder gerade, weil beides immer wieder bedroht ist.
In Koepps jüngstem Film „Berlin – Stettin“ geht es nun erstmals auch um den Regisseur selbst, der 1944 in Stettin geboren wurde und in Berlin-Karlshorst aufgewachsen ist. Aber das Patrouillieren entlang der eigenen Biografie, die Reminis­zenz ans eigene Werk, ist wie zu erwarten kein eitler Selbstzweck, sondern nur ein Anlass, der zu (Wieder-)Begegnungen mit Menschen führt, deren Geschichten einmal mehr die bereits angerissenen Themen wi­derspiegeln: Eine Schulfreundin erinnert sich an die Ereignisse der Revolte vom 17. Juni 1953, norddeutsche Backsteinarchitektur gibt Anlass für einen ehemaligen Ziegeleiarbeiter, über den Niedergang dieser Industrie im Märkischen nachzudenken, und die unvergessenen Ex-Textilarbeiterinnen aus den „Wittstock“-Filmen erzählen von jüngsten Veränderungen in ihrem Leben und in ihrer Stadt.
Erinnerungen sind in Koepps Filmen manchmal schmerzlich, aber selten wehmütig, dafür ist ihm und seinen Protagonisten dann auch der Ausblick auf kommende Tage zu wichtig: So ist die Ostberliner Schauspielerin Fritzi Haberlandt selbst hinaus ins Berliner Umland gezogen und hat beobachtet, dass die Kinder und Enkel derer, die nach der „Wende“ aus dieser strukturschwachen Gegend wegzogen, nun zurückkommen. Und auch polnische Studenten aus Stettin wohnen heute in Brandenburg – der Zirkelschlag in die Vergangenheit weist tatsächlich in die – multinationale – Zukunft der Region.

Text: Lars Penning

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Berlin – Stettin“ im Kino in Berlin

Berlin – Stettin, Deutschland 2009; Regie: Volker Koepp; Farbe, 114 Minuten

Kinostart: 28. Januar

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