Thriller

„Berlin Syndrom“ im Kino

Beim ersten Mal ist es noch schön: Mit „Berlin Syndrom“ demonstriert die ­Australierin Cate ­Shortland, wie unsere Stadt von außen ­wahrgenommen wird

2016 Berlin Syndrome Holdings Pty Ltd Screen Australia

Einen besseren Einstand in Berlin könnte die Australierin Clare (Teresa Palmer) kaum haben als die ­Party auf dem Dach des Neuen Zentrums Kreuzberg. Sie ist in die Stadt gekommen, um Architektur aus der DDR zu fotografieren. Wie so viele junge Besucher taucht sie am Kotti auf und verliert sich schnell in die vielen Möglichkeiten, die sich in den Straßen und Hinterhöfen rund um die Oranienstraße bieten.
Als sie auf einen einnehmenden jungen Deutschen trifft, achtet sie nicht auf die Bücher, die er unter dem Arm trägt – sonst könnte sie misstrauisch werden. Andi (Max Riemelt) liest nämlich Sachen von Matthes & Seitz, und das ist nun einmal der Hausverlag von Georges Bataille, einem Denker, dem es dezidiert nicht um Blümchensex ging, sondern um „Die Tränen des Eros“, um nur einen wichtigen Titel zu zitieren. Andi ist Englischlehrer an einer Sportschule, die anspruchsvolle Lektüre trägt er wohl ohnehin nur spazieren, und die charmante ­Verwechslung von Vokabeln (er sagt „komplizieren“ statt ­„kontemplieren“) ist eine Masche.

Das spürt man vielleicht ein bisschen zu früh in Cate Shortlands „Berlin Syndrom“, einem Erotikthriller, in dem es ans Eingemachte geht, allerdings auf eine Weise, die das Eingemachte ein bisschen ausgedacht wirken lässt. Der Titel deutet schon an, in welche Richtung es geht: um die Beziehung, die zwischen einem Menschen in Geiselhaft und seinem Beherrscher entsteht. Beim ersten Mal ist es noch schön zwischen Clare und Andi, dann aber muss sie bald begreifen, warum sich in seiner Wohnung die Fenster nicht öffnen lassen. Die offene Stadt Berlin ist plötzlich ganz weit weg, und Clare entwickelt ihr eigenes „Stockholm Syndrom“, also eine Form des Arrangements mit einer unerträglichen Zwangslage.

Die Regisseurin Cate Shortland stammt wie Clare auch aus Australien, sie hat längere Zeit in Berlin gelebt und hier schon 2012 den Film „Lore“ gedreht, ein historisches Drama über die Zeit unmittelbar nach der Befreiung 1945. Für „Berlin Syndrom“ diente nun ein Roman von Melanie Joosten als Vorlage, der als klassischer Psychothriller mit den beiden unterschiedlichen Perspektiven auf eine albtraumhafte Geschichte spielt. In der Verfilmung ist das alles deutlich konventioneller geraten, zumal die ­zentrale allegorische Absicht der Regisseurin nicht wirklich aufgeht: Sie erklärt, dass die Beziehung zwischen Clare und Max wie ein Sinnbild für die Beziehung der Menschen in der DDR zu ihrem System gesehen werden könnte. Damit strapaziert Shortland ihren Film doch über, auch weil die einschlägigen Signale nicht eben subtil sind, und eine sehr relevante Szene zwischen Andi und seinem Vater fast schon wie ein geschichtspolitisches Kolloquium wirkt.

Interessant ist „Berlin Syndrom“ eher als Indiz dafür, wie diese Stadt aus der Ferne wahrgenommen wird, welche Klischees von ihr im Umlauf sind, und welche Abgründe man ihr zutraut. Die fast schon groteske Fehlbesetzung mit Max Riemelt spricht letztendlich ja für Berlin: Hier muss ein astreiner Typ ins falsche Metier, weil über­zeugende Unholde hier offenbar gar nicht so leicht zu finden sind.

Berlin Syndrom AUS 2017, 116 Min., R: Cate Shortland, D: Max Riemelt, Teresa Palmer, Matthias Habich, Start: 25.5.

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