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Berlinale 2009: Bärenjagd mit Heimvorteil, Teil 1

Maren AdeEs gibt gleich mehrere Gründe, warum Maren Ade eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Kino ist. Der wichtigste: ihr Witz. Ade, die auch im Gespräch viel lacht und in ihre Antworten manchmal einen frechen Scherz einstreut – um dann allerdings gleich hinzuzufügen: „Nein, das darfst du so aber jetzt bitte nicht schreiben“ –, hat die in Deutschland seltene Gabe, humorvolle Filme zu machen. In einer Kinolandschaft, die schnell am eigenen Ernst, der eigenen Bedeutung oder der eigenen Strenge erstickt, haben ihre Filme etwas Befreiendes. Eine überraschende Leichtigkeit. Dazu kommt eine sehr gute Beobachtungsgabe und Feinfühligkeit für ihre Figuren.
Beides verband sich in „Der Wald vor lauter Bäumen„, Ades Kinodebüt 2003, zum Porträt einer jungen Lehrerin, die in einer neuen Stadt in einer neuen Schule anfängt und dort bald von keinem mehr ernst genommen wird. Man konnte darüber viel lachen. Doch war dies eine Alltagstragödie mit existenziellen Tiefen, ein Einzelfall, der eine universelle Dimension berührt, in dem jeder Zuschauer etwas von sich selbst entdecken kann.
„Mich über meine Figuren lus­tig zu machen, liegt mir sehr fern“, betont Ade. „Sie wissen selbst, dass sie sich in der jeweiligen Situation gerade bescheuert benehmen, sie kommen da aber nicht raus. Genau da fängt für mich der Humor an – mit dem Bewusstsein um die eigene Kuriosität.“ Es ist ihr aber bewusst, „dass es etwas Gnadenloses hat, das zu erzählen“. Eine ähnliche Mischung aus witzigen Momenten und schmerzhaftem Selbsterkennen darf man nun wieder erwarten, wenn Ade mit ihrem neuen Spielfilm „Alle Anderen“ im Berlinale-Wettbewerb vertreten ist. Diesmal porträtiert sie ein Paar im Urlaub auf Sardinien. Beide sind knapp über 30, die Verhältnisse bürgerlich. Die Rollen spielen mit Birgit Minichmayr und Lars Eidinger zwei bekannte und überaus eindrucksvolle Theaterdarsteller. Im Kino sind sie vergleichsweise unbekannt. „Bei dem Paar kam es auf die Kombination an. In diesem Fall waren die Machtverhältnisse undurchdringlich. Das hat mich in­teressiert“, erklärt Ade. Die Begegnung mit einem anderen, befreundeten Paar wird für die Hauptfiguren zum Katalysator für Veränderungen im eigenen Verhältnis.
Dass diese Sommergeschichte einer Liebe in Orientierungsschwierigkeiten auch etwas von der Situation heutiger Thirtysomethings abbildet, gibt Ade zu, fügt aber an: „Als Regisseurin hoffe ich zwar, dass die Figuren über sich hinaus erzählen. Aber der Fokus liegt auf der individuellen Konstellation, dem speziellen Gebilde, das die beiden ergeben.“ Und es gibt einen sehr grundsätzlichen Liebeskonflikt, den jeder nachempfinden kann: „Beide haben Angst, dass der andere sie nicht so liebt, wie sie sind.“

Text: Rüdiger Suchsland

Foto: Harry Schnitger

Lesen Sie den vollständigen Artikel in tip 03/09 auf Seite 34.

Lesen Sie hier: Bärenjagd mit Heimvorteil, Teil 2: Hans Christian Schmid

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