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Berlinale 2009: Bärenjagd mit Heimvorteil, Teil 2

Hans-Christian SchmidKurz vor der Berlinale legt Hans-Christian Schmid nur kurze Stopps in Berlin ein. Gleich zwei Arbeiten präsentiert er auf den Festspielen in diesem Jahr, aber noch ist er ständig unterwegs zwischen Polen und Dänemark: Im polnischen Oder-Grenzgebiet ist „Die wunderbare Welt der Waschkraft“ entstanden, der im Forum läuft. Im Kopenhagener Zentropa-Studio, das zu Lars von Triers Reich gehört, arbeitet Schmid bis zuletzt bei seinen Koproduzenten an der Farbabstimmung seines Spielfilms „Sturm„, der im Wettbewerb seine Welturaufführung haben wird – wie schon „Lichter“ (2003) und „Requiem“ (2006).
Die Dokumentation „Die wunderbare Welt der Waschkraft“ porträtiert zwei Arbeiterinnen in einer polnischen Großwäscherei, deren Kunden Berliner Hotels sind. „Es geht um Arbeit und wie sie das Leben beeinflusst“, erzählt Schmid. „Diese beiden Frauen gewährten uns Einblick in ihr Leben, die Mutter der einen geht für ein halbes Jahr nach England, um zu arbeiten, der Mann der anderen arbeitet Schicht in einer Wechselstube an der Grenze. Diese Menschen standen für mich im Vor­dergrund meines Interesses, nicht die technischen Abläufe in einer Großwäscherei.“ Nachdem der 1965 im bayrischen Wallfahrtsort Altötting geborene Hans-Christian Schmid die Münchner Filmhochschule mit einem Dokumentarfilm über „Die Mechanik des Wunders“ beim kommerzialisierten Pilgern abgeschlossen hatte, machte er sich mit eigenwilligen Coming-of-Age-Filmen wie „Nach fünf im Urwald“ und „Crazy“ einen Namen. Später erzählte er von Grenzgängern, in deren Wahnsinn Zeitgeschichte, Macht und Politik aufscheinen. In „23 – Nichts ist so wie es scheint“ geriet ein Computer-Hacker in die Fallstricke von Kalter-Krieg-Agenten, „Lichter“ handelte von Verlierern und Menschenschmugglern an der Grenze zu Polen, „Requiem“ von der Tortur einer schizophrenen jungen Frau im Milieu katholischer Fundamentalisten.
„Ich hake nicht einfach Themen ab“, hält Schmid der Aufzählung entgegen, „sie kommen eher zu mir. Ich in­teressiere mich für Personen, über die man eine Geschichte erzählen kann.“
Der Satz gilt ebenso für seinen Wettbewerbsfilm „Sturm“ – auch hier gab es am Beginn des Projekts eine solche exemplarische Person. „Der Film geht auf einen Artikel über das Internationale Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag zurück, der 2002 im ,Spiegel‘ erschienen ist“, erinnert sich Schmid. „In der Reportage kam eine deutsche Anklägerin vor, Hildegard Uertz-Retzlaff, deren persönliche Haltung meinen Drehbuchautor Bernd Lange und mich interessiert hat.“ Schmid und Lange lernten die deutsche An­klä­gerin in Den Haag kennen, reduzierten im Drehbuch am Ende die deutschen Aspekte, weil die Arbeit des Tribunals in Englisch abläuft und Schmid eine internationale Besetzung richtig erschien.


Text:
Claudia Lenssen


Foto:
Gerald von Foris

Lesen Sie den vollständigen Artikel in tip 03/09 auf Seite 34.

Lesen Sie hier: Bärenjagd mit Heimvorteil, Teil 1: Maren Ade

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