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Berlinale 2009: Countdown zur Weltpremiere

Clive Owen in In wenigen Tagen ist es endlich so weit: Der rote Teppich wird ausgerollt, Festivalchef Dieter Kosslick empfängt seine Gäste im Berlinale-Palast, und auf der frisch installierten Leinwand läuft der Eröffnungsfilm „The International“ von Tom Tykwer. Ein feierlicher Moment, der viel Arbeit gekostet hat.
Eigentlich hat die Geschichte der diesjährigen Gala schon vor über 15 Monaten angefangen – in einem ehemaligen, mühevoll renovierten Lokschuppen nahe des Studios Babelsberg. Dort wurde im September 2007 letzte Hand an ein imposantes Drehset gelegt, das in „The International“ eine zentrale Rolle spielt. Die Babelsberger Kulissenbauer hatten den Innenraum des New Yorker Guggenheim-Museums nachgebaut: 14 Meter hoch, 34 Meter im Durchmesser, insgesamt drei Stockwerke (fünfeinhalb besitzt das Original). Das Guggenheim ist in Tom Tykwers Finanzthriller Ort einer wilden Schießerei und nicht weniger als das Herzstück des Films. Ob man aber überhaupt Namen und Außenaufnahmen des renommierten Museums benutzen durfte, war damals noch unklar. „Ein Jahr haben wir verhandelt“, erinnert sich Lloyd Phillips, einer der „International“-Produzenten, der momentan in Babelsberg die letzten Drehtage von Quentin Ta­ran­tinos „Inglorious Basterds“ betreut. „Bei jedem Dreh gibt es so eine wichtige, schwierige Sequenz, die wie ein Schwert über einem hängt“, sagt Phillips. „Dass Tom unser Film-Guggenheim dann mit Videokunst bespielen wollte, hat es nicht leichter gemacht. Aber wenn man diese eine besondere Herausforderung bewältigt hat, wird es danach umso leichter.“
Die Herausforderung für die Berlinale ist ganz klar die Programmgestaltung und die Wahl des Eröffnungsfilms besonders heikel. Der ers­te Film ist das Aushängeschild des Festivals, selbst als Vorführung „außer Konkurrenz“ konzentrieren sich hier In­teresse und Berichterstattung. Fehlgriffe beeinflussen die Festivalstimmung genauso wie die gelungenen Entscheidungen. Dass „The International“ den ersten Fes­tivalton setzt, war relativ früh klar. Ende November veröffentlichte die Berlinale eine entsprechende Presseerklärung: ein ambitioniertes Drama als Weltpremiere, Drehorte auch in Berlin und Babelsberg, der Regisseur ein Wahlberliner und erklärter Berlinale-Fan, der schon 2002 mit „Heaven“ den Eröffnungsfilm stellte. Nebenbei ernennt die Berlinale Tykwer regelrecht zum inoffiziellen Spielführer des diesjährigen Festivals. Denn der „International“-Macher ist im Wettbewerbsprogramm als einer von 13 Regisseuren auch am Episodenfilm „Deutschland 09“ beteiligt. Und gleich am Samstag nach der Eröffnung sitzt er auf dem Podium der Deutschen Kinemathek und wird als „einer der prominentesten Breitfilm-Enthusiasten“ über die diesjährige 70mm-Retrospektive reden. Viel Anerkennung für den Filmemacher, viel Schützenhilfe für das Festival.
Wie es dazu gekommen ist, dass „The International“ die Berlinale eröffnet, mag aber niemand so genau sagen. Bei Tykwer klingt das im Interview fast nach einem Freundschaftsdienst: Man zeigt Berlinale-Chef Dieter Kosslick den Film, dem gefällt’s, und man wird gebucht. Bei der Pressestelle des Festivals möchte man das nicht spezifizieren, die Auswahl sei letztlich immer eine „Gemengelage“. Die „In­ternational“-Dreharbeiten wurden vor zwölf Monaten in New York beendet, ursprünglich war ein Start im September im Gespräch. Tykwer wie Lloyd Phillips erklären die Verschiebung mit eher marktwirtschaftlichen Überlegungen. Im Herbst stehen Filme in direkter Konkurrenz zu zahllosen überzüchteten Hollywood-Unterhaltungsprodukten, das Frühjahr gilt traditionsgemäß als Experimentierwiese. Dort passt ein kantiges Drama wie „The International“ einfach besser – trotz aller Versuche des Marketings, den Tykwer-Film als „Action-Thriller“ zu verkaufen.

Text: Thomas Klein

Lesen Sie den vollständigen Artikel in tip 03/09 auf den Seiten 29-30.

Lesen Sie hier: Ein Interview mit Tom Tykwer

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