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Berlinale 2009: Interview mit Tom Tykwer

Tom Tykwertip Herr Tykwer, wie schon 2002 mit „Heaven“ werden Sie auch dieses Jahr die Berlinale mit Ihrem Film eröffnen. Wie kommt man dazu?
Tom Tykwer Ich nehme das Telefon und rufe Dieter Kosslick an. Und frage: „Wollt ihr mal kucken?“

tip Ursprünglich sollte „The International“ im Herbst ins Kino kommen. War die Berlinale der Grund, den Filmstart zu verschieben?
Tykwer Unter anderem. Ein anderer Grund hat mit der Strategie der Verleiher zu tun. November, De­zem­ber kommen so viele Filme raus, wollen wir uns da wirklich in dieses Becken schmeißen? Im Februar ist es viel entspannter, in Amerika mit so einem Film rauszukommen. Da ist nicht so ein Druck auf dem ersten Wochenende, dadurch dass nicht so viele Filme konkurrieren. Der Film kann möglicherweise noch am zweiten und dritten Wochenende zum Atmen kommen, was ich mir gerade bei diesem Film durchaus vorstellen kann: dass er auch über Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniert.

tip Macht es für Sie einen Unterschied, die Premiere auf der Berlinale zu haben? Erwarten Sie schärfere Kritiken? Sind Sie nervöser als bei anderen Premieren?
Tykwer Keine Ahnung, das weiß ich immer erst am Tag vorher, dann erwischt mich ein Gefühl, und dann habe ich also wirklich begriffen, wie ich mich dazu stelle. Generell habe ich einfach schon so ziemlich alles erlebt, was Ohrfeigen und Glückseligkeit betrifft, ich bin schon einige Achterbahnen gefahren in Bezug auf Reaktionen. Ich versuche also eigentlich, mich einigermaßen entspannt-neugierig dazu zu verhalten. Ich bin allerdings, muss ich zugeben, mit dem Film einigermaßen selbstbewusst, denn ich finde ihn recht gelungen. Ich bin auch aufgeregt, ihn jetzt endlich mal in einem großen Kino zu sehen. Ich mag den Berlinale-Palast, ich finde das ein tolles Kino, ich liebe die Atmosphäre der Berlinale. Also für mich persönlich, auch als Zuschauer. Ich bin immer schon gern zur Berlinale gegangen …

tip … wann waren Sie denn zum ersten Mal dort?
Tykwer 1982, da war ich 16 … Es ist immer schon mein Lieblingsfestival gewesen. So sehr hier die Kritiker manchmal nerven, es ist einfach ein sehr anspruchsvolles Publikum, das wirklich viel Erfahrung hat mit ungewöhnlichen Filmsprachen. Die­se cineastische Euphorie, die durch die Stadt weht in diesen zwei Wochen, die ist eigentlich unvergleich­lich, das kenne ich von keinem anderen Festival. Allgemein finde ich an Festivals herrlich, dass man sich endlich mal nicht legitimieren muss, wenn man fünfmal am Tag ins Kino gehen will. Sondern dass das dann als Arbeit anerkannt wird. Oder dass man es zumindest als Arbeit kaschie­ren kann …Clive Owen in

tip Wir sitzen hier im Sony-Center, wo auch ein paar Szenen Ihres neuen Films „The International“ gedreht wurden. Der Film ist ein politischer Thriller über die Machenschaften einer internationalen Großbank. Sie haben Ihn vor etwa einem Jahr abgedreht, im Februar kommt er in die Kinos – und er ist natürlich in der Zwi­schenzeit durch die Bankenkrise und das verlorene Vertrauen in die Wirtschaft unverhofft aktuell geworden. Ein glücklicher Zufall?
Tykwer Ein völlig absurder Zufall natürlich. Dass in der Zeit, als wir noch an der Endfertigung saßen, die Bankenkrise kam – die Krise der Weltökonomie, der Vor­abend des Abgesangs auf den Kapitalis­mus. Und natürlich ist es verrückt, dass der Film das als selbstverständlich nimmt. Er setzt ja voraus, dass diese Persönlichkeiten, die das Sys­tem repräsentieren, als Übeltäter auftreten. Mir ist erst nachher klar geworden, dass wir da mit einer Haltung reingegangen sind, die erst heute konsensfähig ist.

tip Der Film ist von Sony produziert, es ist Ihre erste Zusammenarbeit mit einem großen Hollywoodstudio. Ist es ein amerikanischer Film geworden?
Tykwer Ich glaube, die Identität des Films ist insofern europäisch, weil alle relevanten Beteiligten nicht Amerikaner sind – außer der Autor und die Produzenten, was ja nicht unbedeutend ist. Aber man muss natürlich sagen, die Crew ist die, mit der ich immer schon arbeite: der Kameramann Frank Griebe, die Cutterin Mathilde Bonnefoy, der Ausstatter Uli Hanisch und so weiter. So gesehen ist es auch wieder ein reines Familienprojekt, wir gehen sozusagen immer wieder gemeinsam zu fremden neuen Orten, und schauen mal, wie es da so ist, wie es mit den anderen so geht. In diesem spezifischen Fall war es eben mal ein richtiges Studio, es ist ja unser erster konsequenter Studiofilm. Wir hatten schon mal mit Miramax zu tun, bei „Heaven“, oder auch mit Dreamworks, beim „Parfum“, aber die waren da nur Ko­finanziers. Das hier ist ein zu 100 Prozent vom Studio finanzierter Film, allerdings unterstützt auch von deutscher Filmförderung. Trotz­dem ist es ein Studiofilm im klassischen Sinne: Es gibt ein Studio, das einen Auftrag gibt an eine Produktionsfirma, die Produktionsfirma sucht einen Regisseur.

tip Wie sehr sind Sie damit in eine unflexible Studio-Maschinerie hineingeraten? Was war das für eine Erfahrung?
Tykwer Ich kann nur sagen, es war eine vollkommen beglückende Erfahrung, der ganze Dreh. Wirklich, es war herrlich. Das Studiosystem funktioniert ja eigentlich schon seit langer Zeit zweigleisig. Die haben einerseits ihre Standards, die konventionellen Produkte, die sie immer brauchen. Da wird, glaube ich, dann relativ klassisch konfektioniert. Und dann gibt es die Filme, von denen sie wissen, die funktionieren überhaupt nur dann, wenn sich eine bestimmte Autorenschaft entfalten kann. Man darf nicht vergessen, das sind inzwischen jüngere Leute, die da auf den Chefsesseln sitzen, die sind natürlich auch Film­enthusiasten und haben durchaus das Bedürfnis, dass etwas dabei ist in ihren Produktionen, das ein biss­chen für die Ewigkeit ist. Also wollen sie diese Filme haben, die das andere, das Geheimnisvolle in sich tragen könnten; etwas, das immer auch ein bisschen mysteriös für sie bleibt.

Lesen Sie das komplette Interview in tip 03/09 auf den Seiten 26-28.

Interview: Catherine Newmark

Foto von Tom Tykwer: Harry Schnitger/tip

The International eröffnet die Filmfestspiele am Do 05.02.09 im Berlinale-Palast, Kinostart ist eine Woche später: Do 12.02.09

Retrospektive Tom Tykwer ab Mo 02.02. im Moviemento; Eröffnung mit der Doku „Im freien Fall – Tom Tykwer und das Kino“ in Anwesenheit von Tom Tykwer.

Ausstellung „The International. A Journal“ – Fotos des Produzenten und Fotografen Lloyd Philips, die während der „International“-Dreharbeiten entstanden. Mit den Schwarzweißfotos von Lloyd Philips haben wir unser Cover und unsere Titelgeschichte von tip 03/09 illustriert; Sa 7.2. bis So 15.2. im C/O Berlin

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