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Berlinale-Gewinner für das Heimkino: Esmas Geheimnis

emma_3„Was habe ich von Papa? Sehe ich ihm ähnlich?“ „Nein“, sagt Esma, „du siehst mir ähnlich. Die Haare sind vielleicht von ihm. Dieselbe Farbe.“ Dann hat sie wieder diesen Ausdruck im Gesicht. Esma und ihre zwölfjährige Tochter Sara sprechen selten über den Vater. Sara weiß wenig von ihm. Eigentlich nur, dass er im Bosnien-Krieg geblieben ist, gefallen als Soldat. Es gibt kein Foto, und das Dokument vom Militär, das beweisen würde, dass er ein Held war, kann Esma nicht finden.

Esma und Sara reden nicht viel miteinander. Manchmal tollen sie morgens herum, aber wenn Sara der Mutter dabei die Arme auf den Boden drückt, gibt es bei Esma eine seltsame Heftigkeit in der Bewegung, mit der sie sich herauswindet. Sara versteht nicht, warum das so ist. Aber sie begreift langsam, dass etwas nicht stimmt, auch wenn sie dafür noch keine Worte hat. Jasmila Zbanic enthüllt nur wenig von Esmas Geschichte. Ein paar knappe Sätze werden reichen bis zum Ende des Films. Sie zeigt eine Frauenselbsthilfegruppe, aber auch dort schweigt Esma, während die anderen von ihren Schreckenserlebnissen erzählen. Ein zweiter Film, der parallel im Kopf des Zuschauers läuft, ergänzt Zbanics Geschichte mit den Erinnerungen an die Berichte über die systematischen Vergewaltigungen, deren Opfer 20.000 bosnische Frauen wurden.

emma_2Die junge Regisseurin aus Sarajewo, die 17 war, als serbische Truppen den Bezirk Grbavica besetzten und von dort in die eingeschlossenen Stadtteile zu schießen begannen, erzählt das nicht als kollektive Tragödie, sondern als individuelle. Sie zeigt, wie sich in Esmas Wahrnehmung aktuelle Bilder und Vergangenes überlagern, wenn in dem Nachtklub, in dem sie kellnert, ein lachender Mann zu aggressivem Turbo-Folk mit seiner glimmenden Zigarette einer Frauenbrust zu nahe kommt oder wenn ihr im Bus nur der Blick auf eine Goldkette an einem Männerhals die Kehle zuschnürt.

 

emma_1So wie die Zeitschichten in Esmas Gedächtnis übereinanderliegen, so
betrachtet Zbanic auch Sarajewo, das vier Jahre belagert war, die
übertünchten Fassaden, die Neubauruinen, die Ausblicke auf die
Stadtlandschaft, die auch die Belagerer im Krieg hatten. Die Bilder spiegeln sich ineinander, wie die ers­te Liebesgeschichte der Tochter in der unmöglichen Romanze Esmas mit dem kriminellen Handlanger des Nachklubchefs. Zbanic interessiert sich für alle, die der Krieg aus der Bahn geworfen hat. Für die Männer und Frauen, die sich nicht erinnern wollen, weil sie Angst haben, verrückt zu werden, und für die Kinder, dieser der Krieg verfolgt, noch lange nachdem er zu Ende gegangen ist.

Text: Robert Weixlbaumer

Die Geschichte hinter dem Film

Esmas Geheimnis – Grbavica (tip DVD Kollektion Nr. 3) Bosnien/Österreich/Deutschland/Kroatien;?Regie:?Jasmila Zbanic;?Darsteller:?Mirjana Karanovic (Esma), Luna Mijovic (Sara), Leon Lucev (Pelda);?Farbe 90 Minuten

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