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Berlinale-Gewinner für das Heimkino: Music Box

Music BoxVielleicht ist es auf eine gewisse Art ein sehr deutscher Film, den der in Frankreich lebende Grieche Costa-Gavras mit „Music Box“ gemacht hat – obwohl kein einziger Deutscher darin vorkommt. Es geht um den Holocaust, um Schuld und Verleugnung, um die unbegreifliche Gleichzeitigkeit von Monstrosität und Liebenswürdigkeit in einer Person. Diese Person ist der ehemalige Stahlarbeiter Mike Laszlo (Armin Mueller-Stahl). Nach dem Zweiten Weltkrieg aus Ungarn in die USA immigriert, ist er ein glühender Antikommunist, der auch in den 80ern noch die Vorführungen einer ungarischen Tanztruppe stört, weil er darin Propaganda eines verbrecherischen Regimes sieht. Ansonsten lebt er ein beschauliches Rentnerdasein im putzigen Holzhäuschen in einem Vorort von New York, pflegt das Andenken seiner früh verstorbenen Frau und den engen Kontakt mit seinen beiden Kindern, dem beruflich wie privat etwas aus der Bahn geratenen Sohn Karchy (Michael Rocker) und der Tochter Ann (Jessica Lange), einer Erfolgs­anwältin.
Als er ein gerichtliches Schreiben erhält, das ihm wegen der Mitgliedschaft in einer Spezialeinheit während der deutschen Besatzung brutale Morde vorwirft und mit der Aberkennung der amerikanischen Staatsbürgerschaft und der Auslieferung nach Ungarn droht, übernimmt Tochter Ann seine Verteidigung. Ganz selbstverständlich geht sie zunächst von einer Verwechslung aus, da der zärtliche Papa und von ihrem Sohn Mickey verehrte Großvater unmöglich solche Gräueltaten vollbracht haben kann. Doch obwohl es ihr gelingt, die vom engagierten Staatsanwalt Jack Burke (Frederic Forrest) vorgebrachten Zeugenaussagen zu entkräften, steigern sich ihre Zweifel bis zur Verzweiflung.
Armin Mueller-Stahl bekennt in einem aktuellen Interview, dass Mike Laszlo zu den Lieblingsfiguren seiner langen Karriere gehört und spricht von dem „starren Blick, der ihn unheimlich, undurchdringlich“ macht. Genau die­ser Blick ist es, dieses toderns­te Spiel mit einer subtil verschobenen Körperlichkeit, der den Zuschauer in einem bis zuletzt nur mit vagen Indizien operierenden Plot beunruhigt, ihn Klarheit herbeisehnen lässt, sei sie auch noch so erschütternd. Auch Jessica Lange spielt virtuos auf dieser Klaviatur des symptomatischen Unbehagens, kriecht immer mehr in ihre smarten Business-Kostüme, als könnte dieser Panzer sie vor dem Undenkbaren schützen.

Text: Stella Donata Haag

Die Geschichte hinter dem Film

Music Box (tip DVD Kollektion Nr. 4) USA 1989; Regie: Costa-Gavras; Darsteller: Jessica Lange (Ann Talbot), Armin Mueller-Stahl (Mike Laszlo), Frederic Forrest (Jack Burke); Farbe, 125 Minute

Bisher erschienende Filme: In This World, Stammheim, Esmas Geheimnis, Bloody Sunday

 

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