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Berlinale-Gewinner im Kino: „Eine Perle Ewigkeit“

Auch wenn „La teta asustada“ ästhetisch äußerst originär anmutet: Die filmsüchtige Claudia Llosa hat jede Menge Vorbilder; drei fallen ihr sofort ein: Jane Campion, Bйla Tarr und Kim Ki-duk. Llosas Erfolg ist, angesichts der spröden Form ihrer Filme, min­destens erstaunlich: Sie hat das Kunststück vollbracht, ein Land ohne nennenswerte Filmbranche in einen Sehnsuchtsort der globalen Cinephilen-Gemeinde zu verwandeln. Auch in Peru gilt sie inzwischen als Kino-Säulenheilige. Mehr als eine Viertelmillion Peruaner haben ihren Film gesehen, allein in der Startwoche Mitte März strömten 90.000 Menschen in die Kinos. In Lima lief „La teta asustada“ in 18 Kinos, war wochenlang der meistgesehene Film.
Das Filmemachen in Peru sei dennoch „extrem schwierig“, erklärt Llosa, denn man müsse „erst selbst die Rahmenbedingungen schaffen, um überhaupt drehen zu können. Man kann sich auf nichts verlassen. Jeder Film ist ein Lernprozess, der mit nichts vergleichbar ist.“
Llosas Arbeit mischt Ritualismus und Modernismus kühn: Die Kartoffel etwa sei ein „äußerst beladenes nationales Symbol, das uns von Grundlegendem erzählt: unserem Gedächtnis“, so die Filmemacherin. Dazu komme die Prä­senz der mumifizierten Mutter, die in der Mythologie der Anden religiöse Bedeutung trage, oder etwa eine Grabstelle, die sich im Film unversehens in ein Kinderplanschbecken verwandelt. Vexierbilder sind Llosas Spezialität. Ihr Debüt hatte sie 2006 nach ihrer Hauptfigur „Madeinusa“ genannt – aber den Namen der Filmheldin (die ebenfalls Magaly Solier spielte) konnte man auch als „Made in USA“ lesen.
Man müsse ihren Symbolismus nicht restlos entziffern können, meint Llosa, man könne sich ihrer Arbeit auch emotional nähern: „Jeder Körper, der menschliche wie der filmische, trägt Symbole, Bilder als Gefühle in sich.“ Feine Linien des Surrealismus ziehen sich durch „La teta asustada“. Damit bietet der Film so etwas wie eine Alternative zum fast durchwegs männlich geprägten globalen Arthouse-Film. Als feministischen Akt sieht Claudia Llosa selbst ihr Kino aber keineswegs: „Ich glaube nicht daran, dass Geschlechterfragen die Qualität oder Sensibilität eines Films beeinflussen können.“
Genau wie ihre Heldin bekämpft Llosa das historische Grauen mit den Phantasmen der Poesie. Man wird diesen Film nicht restlos ergründen können; man sollte ihn eher als Gedicht  sehen, als faszinierendes, bildschönes Rätsel, in dem das Singen ein Trancezustand ist und der Aberglaube eine Strategie des Wi­derstands.

Text: Stefan Grissemann

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Eine Perle Ewigkeit“ im Kino in Berlin

Eine Perle Ewigkeit (La teta asustada), Peru/Spanien 2008; Regie: Claudia Llosa; Darsteller: Magaly Solier (Fausta), Susy Sanchez (Mrs. Aнda), Efrain Solis (Noe); Farbe, 94 Minuten

Kinostart: 5. November

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