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Berlinale-Gewinner im Kino: „Eine Perle Ewigkeit“

Die alte Frau singt ihr letztes Lied. Mit zittriger Stimme erzählt sie von ihrem schlimmsten Tag: wie sie einst von Fremden gefoltert und vergewaltigt wurde – und wie ihre Tochter dadurch „seelenlos“ in eine Ära des Krieges geboren wurde. Denn mit der Milch habe das Kind die Panik in sich aufgenommen und gespeichert: aus der „verängstigten Brust“ der Mutter, die der originale Filmtitel nennt. „La teta asustada“ (deutscher Verleihtitel: „Eine Perle Ewig­keit„) beginnt mit der hypnotischen Melodie dieses Lieds, mit einer gesungenen Autobiografie.
Die Frau stirbt, und Fausta – wie in Trance gespielt von der charismatischen Magaly Solier – bleibt mit dem Schmerz allein. Wie eine Untote streift sie durch die Welt, mit erstarrtem Gesicht, in Angst vor den Menschen und der Gewalt, die sie auch ihr antun könnten. Fausta bekämpft ihr Trauma auf bizarre Weise: Sie trägt, um sich vor sexuellen Übergriffen zu schützen, eine Kartoffel in der Vagina, eine Wurzelknolle, die in ihrem Körper längst ausgetrieben, sich festgesetzt hat. Was ist das? Eine absurde Komödie? Vielleicht, aber ihre historische Grundlage ist tödlicher Ernst: Faustas Schockzustand ist ein Resultat des Kampfs zwischen der maoistischen Guerillaorganisation Sendero Luminoso und der perua­nischen Staatsmacht; der Terror des „leuchtenden Pfads“ und der Gegenterror der Armee forderte ab 1980 in einem zwei Jahrzehnte währenden Bürgerkrieg etwa 70.000 Tote.
Claudia Llosa, 32, eine Nichte des peruanischen Schriftstellers Mario Vargas Llosa, hat mit „La teta asustada“, ihrem zweiten Film, im vergangenen Februar überraschend den Goldenen Bären des Filmfests in Berlin gewonnen. Unverdient kam der Preis nicht: Llosas fiebrige Vision des Lebens in den Vororten der Sechseinhalb-Millionen-Metropole Lima verschränkt eine feministische Allegorie mit dokumentarischen Bli­cken auf das gegenwärtige Peru. Die Regisseurin scheint dabei die Gewaltvergangenheit ihrer Heimat poetisch exorzieren zu wollen. Als politischen Film will Llosa – die gegenwärtig in Barcelona lebt, aber nach Peru reist, so oft es geht – „La teta asustada“ jedoch nicht verstanden wissen. „Mir ist es darum gegangen, vom Trauma selbst zu sprechen“, sagt sie, „von den Konsequenzen des Krieges und der emotionalen Last eines gespaltenen Landes.“ Sie betrachte ihren Film als Utopie, als eine „persönliche Suche nach Heilung und Erinnerung„, die über das Singen und die indigene Sprache der Quechua verliefe.

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