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100 Jahre Color by Technicolor

Singin' In The Rain

Technicolor is natural color. – Aus heutiger Sicht mutet der Werbeslogan eher seltsam an, mit dem die Firma Technicolor der in den 1930er-Jahren noch verbreiteten Kritik entgegenzutreten versuchte, Farbe im Film sei grell und vulgär. Besteht der Spaß an den in der Zeit zwischen 1932 und 1955 im klassischen Drei-Farben-Techni­color entstandenen Filmen doch vor allem in der fantastischen, aber kaum natürlich zu nennenden Farbsättigung, die dem Herstellungsprozess geschuldet war.
Aus Anlass des 100. Jubiläums der Firmengründung ist die diesjährige Retro­spektive der Berlinale Technicolor gewidmet, und die Auswahl der Filme vollzieht sowohl die technische Entwicklung des Farbverfahrens nach – u.?a. mit dem ältesten erhaltenen Zwei-Farben-Technicolor-Film „The Toll of the Sea“ und dem ersten Realfilm in Drei-Farben-Technicolor, dem kurzen Musikfilm „La Cucaracha“ – als auch die künstlerische Emanzipation experi­mentier­freudiger Regisseure und Kamera­leute vom Diktat der Technicolor-„Farbberater“, das lange auf harmonisierende Pastelltöne ausgerichtet war.
Das Torero-Drama „Blood And Sand“ (1941), in dem Regisseur Rouben Mamoulian versuchte, die Stimmung verschiedener Gemälde berühmter spanischer Maler wie Velбzquez, Goya und El Greco wiederzugeben, gehört dabei ebenso zu den Höhepunkten der Retro­spektive wie Jean Renoirs in Indien gedrehter Film „The River“ (1951), für den der Production Designer Eugиne Louriй tatsächlich das Gras grün anmalte.
Beeindruckend ist auch Michael Powells und Emeric Pressburgers „Black Narcissus“ (1947), den man zu Beginn fast für einen Schwarz-Weiß-Film halten könnte: Fahles Licht fällt in ein dunkles Arbeitszimmer und beleuchtet eine reglos am Fenster stehende Figur in weißer Ordens­tracht. Doch noch während die Oberin gemeinsam mit Schwester Clodagh (Deborah Kerr) Schwarz-Weiß-Fotos des Palastes in den Bergen des Himalaya betrachtet, in dem der Orden eine Missions­station einrichten will, sehen wir in aller Pracht, was den Schwestern später zum Verhängnis werden wird: das satte Grün der tropischen Vegetation, das leuchtende Blau in einem ehemaligen Harem, die pittoresk bunte Kleidung der Einheimischen. Die Farbe wird über die Nonnen hereinbrechen, und mit ihr die Natur, das Leben, die Liebe und der Wahnsinn.
Dass Technicolor jenseits aller Farb­dramaturgien immer auch ein Schauwert war, zeigt nicht zuletzt die erkleckliche Anzahl von Musicals und Kostüm­abenteuern in der Retrospektive. Die belegen zudem eindrucks­voll, dass dunkelhaarige Filmschönheiten wie Jean Peters („Anne of the Indies“), Jane Russell („Gentlemen Prefer Blondes“) und Elizabeth Taylor („Ivanhoe“) aufgrund des kontrast­reichen Schneewittchen-Effekts im Technicolor-Film eine deutlich bessere Figur abgaben als ihre blonden Kolleginnen.
Im Jahr 1955 ging die Ära des klassischen Technicolor-Films aus Kostengründen zu Ende; der preiswertere Mehrschichtenfilm von Eastman-Kodak löste das teure Verfahren mit seinen Spezialkameras schließlich ab. Mein Lieblings­gag zum Thema Technicolor ist auf der Retro aber leider nicht zu sehen: In Tex Averys Cartoon „Lucky Ducky“ finden sich zwei Jagdhunde plötzlich im Schwarz-Weiß wieder und starren verblüfft auf ein Schild am Wegesrand: „Technicolor ends here.“

Text Lars Penning

Foto: George Eastman House, Rochester, © 2014 Warner Bros Entertainment

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