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Berlinale-Sieger „Tropa de Elite“ im Kino

Es folgt eine Aufzählung von Kalibern halbautomatischer Gewehre, deren Projektile durch Autos wie durch Papier schlagen. Dann: „Im Rest der Welt sind diese Waffen dafür da, Kriege zu führen. In Rio sind das die Waffen des Verbrechens.“ Alltag in der einstigen Cidade de Maravilhas, der wunderbaren Stadt.
Eineinhalb Jahre nach dem goldenen Berlinale-Bären kommt Josй Padilhas Spielfilm über die Polizei-Elitetruppe BOPE in die deutschen Kinos. Die BOPE fährt Einsätze inmitten einer Szenerie, in der nach Moral und Sinn selten gefragt wird. Häufig sortiert die Polizei die Leichnahme so, dass sie zum Papierkram passen. In Rio, so der Eindruck, sind es die Traficantes, die Drogendealer, die den Ton angeben und die Kulturformen prägen. Und es ist die Polizei, vielleicht sogar die restliche Gesellschaft, die darauf reagieren muss. Der Staat jedenfalls ist schwach und steht in einer mürben Ba­lance aus Korruption und Gegenwehr den Gangstern gegenüber.
Die lapidare Erzählerstimme, die später in die Figur des Capitгo Nascimento schlüpft, ist der rote Faden, mit dem Padilha durch die Geschichte einer Eliteeinheit der Militärpolizei führt. Nascimento und seine zunehmenden Zweifel sind der Spiegel der inneren Auseinandersetzung zwischen Gewalt, Verlust der Moral und der zwanghaften Gegenkonstruktion einer heilen Welt. Immerhin gilt es den Papst zu beschützen, er nächtigt unglücklicherweise in Schussweite einer Favela, die also gesäubert werden muss. Ein Fall für das BOPE. Ob deren Methoden al­lerdings so sinnvoll noch sind, fragt sich auch der Capitгo.
Kein Film hat solch heftige Dis­kussionen in Brasilien ausgelöst wie „Tropa de Elite„, Kritiker bemängelten nicht nur die Ästhetik und die harsche Gewalt des Films, sondern sprachen gar von einer Verherrlichung faschistoider Polizeikultur. Doch Josй Padilha, bekannt geworden als Dokumentarfilmer („Bus 174“), wandelt auf aufklärerischer Mission, sein Kino fühlt sich dem Realismus verpflichtet: Draußen vor den Kinos gibt es selten ein Happy End, nirgends werden so viele Menschen erschossen wie in Rio de Janeiro.

Text: Lennart Laberenz

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Tropa de Elite“ im Kino in Berlin

Tropa de Elite, Brasilien 2007; Regie: Josй Padilha; Darsteller: Wagner Moura (Capitгo Nascimento), Caio Junqueira (Neto), Andrй Ramiro (Andrй Matias); Farbe, 115 Minuten

Kinostart: 6. August

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