Berlinale 2012

„Angriff auf die Demokratie“ auf der Berlinale 2012

Romouald Karmakartip Herr Karmakar, wie kam es, dass Sie bei der Veranstaltung „Angriff auf die Demokratie – Eine Intervention“ am 18. Dezember 2011 dabei waren?
Romuald Karmakar Die ganze Sache geht auf eine Idee zurück, die Harald Welzer und Roger Willemsen auf der Buchmesse hatten. Sie haben dann Carolin Emcke hinzugeholt, die dann unter anderem mich anrief, und so hat sich die Sache weiterentwickelt. Ich kannte Welzer von einer Tagung  2004 im Hamburger Institut für Sozialforschung über Erinnerungspolitik der 68er-Generation. Die Einladung zu „Angriff auf die Demokratie“ war relativ kurzfristig, und die Vorgabe war sehr allgemein gehalten: zehn Minuten pro Statement, inhaltlich alle Freiheiten im Rahmen des Themas. Ich wollte von Anfang an etwas mit Bildern und Filmen machen.

tip Sie waren aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht als Filmemacher des Projekts vorgesehen?
Romuald Karmakar Nein, überhaupt nicht. Ich habe dann nur zwischendurch einmal gesagt: Prüft, ob das irgendjemand filmt. Da dachte ich an die Leute im HKW. Selber hatte ich keine Zeit, mich darum zu kümmern, etwa um Kamera oder Einstellungen. Dann war die Veranstaltung – die hat mich positiv überrascht. Alles hat gut aufeinander aufgebaut. Ich erfuhr dann, dass jemand von 3sat für „Kulturzeit“ gefilmt hatte. In der Woche nach dem 18. Dezember bemühte ich mich um das Material, das hatte ich am 23. Am 30. hatte ich es fertig geschnitten im Panorama eingereicht.

tip Was bedeutet in diesem Zusammenhang Montage-Film?
Romuald Karmakar Montage-Film bedeutet, dass das Material nicht von mir ist. Ich habe das Material montiert, wobei es in diesem Fall zunächst darum ging, alle Beiträge vollständig abzubilden. Das 3sat-Team hat aber nicht alles gefilmt, deswegen musste ich auf die Hauskamera zurückgreifen. Ursprünglich war vom HKW gedacht, dieses Material in Form von Clips auf die Webseite hochzuladen.

tip Statt Online-Clips gibt es nun einen abendfüllenden Film? Gibt es dafür auch politische Gründe?    
Romuald Karmakar Natürlich ging es um eine andere Sichtbarkeit. Ich dachte an Freunde von mir in Hamburg oder in München, die sich auch dafür interessieren, oder meine Mutter in Athen, ich stellte mir vor, dass es interessant wäre, wenn mein griechischer Stiefvater den Film sehen kann. Ein ganzer Film, der die Veranstaltung abbildet, kann auch der selektiven Wahrnehmung entgegenwirken. Denn ich habe beobachtet, wie die Medien über die Veranstaltung berichtet haben – sie haben zum Teil die einzelnen Beiträge gegeneinander ausgespielt.

Angriff auf die Demokratietip Warum haben Sie persönlich einen Film mit Ziegen auf einer Wiese gezeigt?
Romuald Karmakar Das ist Material, das ich im Sommer 2011 ohne feststehende Absicht gedreht hatte, und das sehr gut zu einem Zitat des amerikanischen Mathematikers Ralph N. Elliott passt, der sich mit Börsenbewegungen beschäftigt hat und bestimmte Gleichmäßigkeiten in den Abläufen festgestellt hat. Muster der Börsenbewegungen, Muster der Psychologie aller Marktteilnehmer, Muster in der Natur.

tip Ein kurzer Film auf Ihrem YouTube-Kanal cinekarmakar zeigt eine Szene aus Athen, wo Sie früher gelebt haben. Sie haben schon erwähnt, dass Sie immer noch Familie dort haben. Wie steht es um das Land?
Romuald Karmakar Ich stelle nur fest, dass nach der Implementierung des neuen Ministerpräsidenten und des italienischen Ministerpräsidenten eine Woche später so eine beunruhigende Ruhe herrscht. Ob das gut ist für die Bürger in Griechenland, das ist schwer zu sagen. Ich weiß nur, dass viele Leute in Griechenland selbst überrascht waren, zu erfahren, was alles in der Verwaltung nicht lief. Sie kapierten, dass es nicht nur die schlechten Nachrichten aus dem Ausland sind, das Schlechtmachen aus anderen Ländern, worunter das Land leidet, sondern dass es massive strukturelle Probleme in ihrem Staat gibt.

tip Joseph Vogl hat bei „Angriff auf die Demokratie – Eine Intervention“ am deutlichsten von einem „Staatsstreich“ in den europäischen Demokratien gesprochen. Teilen Sie diese Einschätzung?
Romuald Karmakar Wenn man an den Goldman-Sachs-Bezug von Politikern und Bankern wie Monti, Draghi und Papademos denkt, dazu noch die Karriere des spanischen Finanzministers vor Augen hat, dann muss ich noch mal bei Vogl nachfragen, ob sie Belege seiner Behauptung sind.

Interview: Bert Rebhandl

Foto Romouald Karmakar: Jens Berger

Angriff auf die Demokratie (Panorama)
12.2., 20.00, CineStar 7
13.2., 17.30, Cubix 7;
15.2., 14.30, CineStar 7

Zur Person: Romuald Karmakar
Mit seinen Spielfilmen („Die Nacht singt ihre Lieder“, 2oo2, Wettbewerb) wie mit seinen Dokumentarfilmen („Hamburger Lektionen“, 2006, Panorama) war Romuald Karmakar immer wieder zu Gast bei der Berlinale. Seine neue Arbeit bezeichnet er als „Montage-Film“, denn bei „Angriff auf die Demokratie“ verwendet er vorgefundene Aufzeichnungen einer Live-Veranstaltung.

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