Berlinale 2012

„Barbara“ von Christian Petzold im Wettbewerb

Barbara

Der Anfang ist purer Hitchcock. Ein blauer Linienbus fährt zu einer Haltestelle an einem unbelebten Platz. Die Fahrgäste steigen aus, darunter eine blonde Frau, offensichtlich gehört sie nicht zu den Einheimischen. Die Kamera beobachtet die Szene aus dem zweiten oder dritten Stock eines Hauses. Der Platz leert sich, nur die Blonde setzt sich auf eine Bank, raucht und wartet. Zwei Männer observieren die Ankunft, blättern in einer Akte und reden über sie. Eins ist sofort klar: Die Frau ist auf sich allein gestellt und steht unter Beobachtung.
Die Frau auf der Bank ist Barbara (Nina Hoss), eine Ärztin in der DDR. Weil sie einen Ausreiseantrag in den Westen gestellt hat, hat man sie in ein Provinzkrankenhaus an der Ostsee strafversetzt. Es ist das Jahr 1980, in der DDR herrscht Stillstand. Barbara wartet auf einen günstigen Moment für die Flucht, die ihr Geliebter aus dem Westen vorbereitet. Doch sie hat nicht mit Andre (Ronald Zehrfeld) gerechnet. Er ist Chef des Krankenhauses, ihr Vorgesetzter und Aufpasser. Darum misstraut sie ihm – und respektiert ihn gleichzeitig als Kollegen. Auf der Arbeitsebene entsteht eine Beziehung, die zu mehr werden könnte. Plötzlich ist alles nicht mehr so eindeutig. Als der Tag der Flucht kommt, muss sich Barbara entscheiden – zwischen zwei Männern, zwei Gesellschaften und zwei Lebensentwürfen.
Der Berliner Regisseur Christian Petzold war 2005 mit „Gespenster“ und 2007 mit „Yella“ im Wettbewerb der Berlinale vertreten. Sein diesjähriger Wettbewerbsfilm „Barbara“ ist ein schnörkellos erzähltes nüchternes Drama, das grundiert wird von einer unaufdringlichen Hitchcock-Spannung aus berechtigter Verfolgungsangst und ständiger Ungewissheit. Fantastische Schauspieler, ein konsequentes Drehbuch, die brillante Kameraarbeit von Hans Fromm und eine ausgeklügelte Tonspur machen „Barbara“ zu einem herausragenden Werk. Petzolds bester Film, ein Höhepunkt der Berlinale.

Text: Volker Gunske

Foto: Hans Fromm

Barbara, Deutschland 2012; Regie: Christian Petzold, Darsteller: Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Rainer Bock, Christina Hecke; 105 Minuten

Die Chancen auf den Goldenen Bären: Das tip-Bärometer

Wettbewerb
12.02., 09.30, Friedrichstadtpalast
12.02., 21.30, Toni & Tonino (Berlinale goes Kiez)
13.02., 20.00, Haus der Berliner Festspiele

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