Berlinale 2012

Berlinale 2012: Das Forum Expanded

La rouge et la noire

Was das Digitale mit den Künsten und dem Kino macht, darüber wird gegenwärtig intensiv diskutiert. Häufig findet diese Diskussion selbst wieder in künstlerischen Formen statt, jede Installation, jede Vorführung ist im Grunde ein Kommentar dazu. Selten findet man aber eine Arbeit wie „La rouge et la noire“ (Foto oben) von Isabelle Prim, die dieses Thema zugleich analytisch klärt und mythisch verklärt und dabei beide Formen in sich aufnimmt – wobei das Trägermedium konsequenterweise zweifach sein sollte, der Film also eigentlich eine doppelte Ausfertigung erfahren müsste. Die an wichtigen Institutionen in Grenoble, Lyon, Berlin und Montreal ausgebildete Künstlerin setzt bei einem unvollendeten Projekt von Luc Moullet an, der die Idee hatte, eine „Penelope“ stehlen zu lassen. Das ist eine Kamera der Firma Aaton, die in 35mm und digital aufnehmen kann, ein Produkt, das den Anforderungen des heutigen Filmschaffens so entgegenkommt wie vor fünfzig Jahren die „Buschkamera“, die für die Afrikaprojekte von Jean Rouch entworfen wurde. Die Nouvelle Vague und die leichten Kameras von Aaton, das gehört zusammen. Isabelle Prim verwendet in ihrem Film nun aber auch Aufnahmen, die Jean-Pierre Beauviala, der Gründer von Aaton, selbst gedreht hat – Home Movies eines Filmbegeisterten, der in „La rouge et la noire“ zum Protagonisten eines komplexen Verwirrspiels wird.
Carlo's VisionFür das Forum Expanded 2012 könnte diese Arbeit zu einem der Schlüsselmomente werden, denn mehr denn je verdichten sich in dieser Sektion die konzeptuellen Fragen, die das Festival in den kommenden Jahren insgesamt zu lösen haben wird: Welche Bedeutung haben die Orte noch für das Bild? Wie verhalten sich Medium und Diskurs zueinander? Welche Formen von Präsenz werden Bestand haben? Das Forum Expanded geht wie gehabt weit über den zentralen Bereich des Arsenal Kinos hinaus, es gibt Ausstellungen (die größte, auch in diesem Jahr wieder in den Kunstsälen Berlin, steht unter dem von Gilles Deleuze entlehnten Motto „Kritik und Klinik“), Screenings und Diskussionen. Performances bilden ein wichtiges Moment auf diesem Parcours,
Harun Farocki wird eine geben, ebenso der israelische Dokumentarfilmer Avi Mograbi. Gespannt darf man auf das Projekt „Whiteonwhite: Algorithmicnoir“ von Eve Sussman und Rufus Corporation. Die gefeierte Videokünstlerin, die häufig von berühmten Bildmotiven ausgeht, beschäftigt sich dieses Mal mit Überwachungsbildern und wird daraus einen täglich neu montierten Film gestalten, der jeweils im kleinen Arsenal Kino zu sehen sein wird.
Die mythische Resonanz des Kamerablicks, die in der Überwachung dann Gewicht bekommt, wenn man diese wiederum beobachtet, taucht auch in dem Projekt „Carlo’s Vision“ (Foto links) von Rosalind Nashashibi auf, die dabei von Pasolinis unvollendet gebliebenem Totalroman „Petrolio“ ausgeht. Eine Kamerafahrt durch einen römischen Vorort ist hier zugleich eine Götterwanderung: Auf dem Dolly sitzt dort, wo normalerweise die Kamera angebracht ist, ein Mann, der aus gleichsam kategorialer Distanz auf die beiläufigen Geschehnisse in der Straße blickt. Die Spannung zwischen Ereignislosigkeit und Aufgeladenheit ist für „Carlo’s Vision“ konstitutiv, und einmal noch kann man hier die Frage stellen, ob das Kino (analog wie digital) nicht doch das „Gefäß“ ist, die umfassende Darstellungsform, nach der Pasolini in seinem über die Romanform hinausweisenden Roman (und in seinem Gesamtwerk) suchte.
Vater, Mutter, was soll ich heute filmen?Ist man erst einmal auf dieser Spur, strukturiert sich das Forum Expanded unvermutet zu einer Reihe von Arbeiten, die mit dem „belebenden“ Aspekt des Bildes zu tun haben (nicht zufällig hat Ko-Kurator Anselm Franke im letzten Jahr auch eine Animismus-Ausstellung gemacht). Isabell Spengler wendet diesen Aspekt ins Konzeptuell-Komische in „Vater, Mutter, was soll ich heute filmen?“ (Foto rechts). Sie stellt ihren Eltern tatsächlich diese Frage und bekommt von diesen höchst anspruchsvolle Ideen präsentiert, die eigentlich unrealisierbar scheinen, dann aber doch umgesetzt werden. Die Spannung zwischen Möglichkeitssinn und Wirklichkeitsbild wird hier in die Form eines Wettbewerbs gebracht – und das Bildmedium erweist sich dem mentalen Bild als gewachsen. Das Forum Expanded 2012 traut der Kamera also alles zu. Eine starke Behauptung.

Text: Bert Rebhandl

Foto „La rouge et la noir“: Isabelle Prim

Foto „Carlo’s Vision“: Rosalind Nashashibi

Foto „Vater, Mutter, was soll ich heute filmen“: Isabell Spengler

Forum Expanded
Programm siehe tip-Extra „Berlinale 2012“ auf Seite 49 und 50.

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